
Verbundenheiten III
"Komm mit mir, lass uns wieder zusammen Musik machen."
Ein Lächeln legt sich auf Koichis Lippen, als ihm Duncans Worte wieder in den Kopf kommen.
Er war an diesem Abend so müde gewesen, dass er schon schlafen gegangen war, während sein Geliebter noch grübelnd im Wohnzimmer gesessen hatte. Aber wie jedes Mal, wenn ein Gewitter im Anzug war, erwachte Koichi und erhob sich, um sich in der Küche einen Tee zu machen. An Schlaf war bei ihm, wenn es gewitterte, sowieso nicht zu denken.
Auf dem Weg zur Küche kam er am Wohnzimmer vorbei. Vorsichtig öffnete er die Tür, nur um genau in diesem Moment erschrocken zusammen zu fahren, als der erste Blitz vor dem Panoramafenster zuckte. Er erholte sich jedoch schnell wieder von dem Schrecken, als er Duncan am Klavier sitzen sah. Er hatte ihn wohl bemerkt, denn er drehte sich zu ihm um, und so ging Koichi hinüber, legte seine Arme um Duncans kühle Schultern und hauchte ihm einen Kuss aufs Haar. Und dann nahm Duncan seine Hand und sagte genau diese Worte.
Er wollte wieder Musik mit Koichi machen!
Etwas Schöneres gab es nicht für ihn und er hatte freudestrahlend - wenn auch noch etwas verschlafen - sofort zugestimmt.
Zur Feier des Tages wollte er frittierte Garnelen mit Reis und Salat machen. Seit Duncans Geburtstag hatte er das Kochen und Backen für sich entdeckt und überraschte Duncan seitdem immer wieder mit kleinen Leckereien. Wenigstens hielt ihn dieses neu gefundene Hobby von dummen Gedanken, Trübsal blasen und vor allem von dem sinnlosen Vormittagsfernsehprogramm ab.
Er hatte eben die Panade gemacht und das Öl angesetzt, der Reis köchelte vor sich hin, als etwas im Flur klickte. Der festen Überzeugung, sich verhört zu haben, setzte er sein Tun fort und kramte im Küchenschrank nach der Teriyaki-Soße.
Wieder ein Klicken. Dann wurde die Wohnungstür aufgerissen.
Duncan?
Verwirrt wollte Koichi in den Flur eilen, als plötzlich zwei in schwarze Klamotten gehüllte Typen vor ihm standen. Einer von ihnen trug eine dunkle Sonnenbrille, der andere starrte ihn unverhohlen, und ebenso verwirrt wie Koichi selbst war, an.
"Was um alles in der Welt...?!", begann der Japaner, doch sein Gegenüber hatte sich schneller gefangen.
"Du Idiot, hast du nicht gesagt, es wäre keiner zu Hause?!", herrschte er den Bebrillten an.
"Das dachte ich auch!", war die gereizte Antwort.
Koichi stand wie vom Donner gerührt vor den beiden Einbrechern und wusste nicht, ob er ihnen den Kopf abreißen oder davonrennen sollte.
"Jetzt kümmer' dich um den Dreckskerl, ich suche inzwischen das Zeug!", kommandierte der Typ ohne Brille und verschwand im Nebenzimmer.
Koichi war derzeit zum Küchentisch zurück gelaufen und suchte verzweifelt etwas, mit dem er sich verteidigen konnte.
"Na warte, Freundchen!", rief der Kerl mit der Sonnenbrille und setzte ihm nach. Koichi gelang es gerade noch, sich umzudrehen, um dem Schlag auszuweichen, der ihn im Rücken treffen sollte. Mit einem Ausfallschritt wich er darauf nach hinten aus und suchte nach dem Messer, mit dem er eben noch Garnelen hatte bearbeiten wollen. Der Einbrecher kam ihm zuvor und schlug mit einem dreckigen Grinsen abermals nach ihm.
"Na, nichts zum Wehren? Du schlotterst ja vor Angst!"
Aus dem Schlafzimmer drang ein Ruf. "Ich hab was! Wow, nicht schlecht für'n Ausländer!"
Das Grinsen auf dem Gesicht von Koichis Gegenüber wurde immer breiter.
Wütend wollte Koichi vorstoßen und dem Einbrecher seine Faust zwischen die Augen rammen, doch in diesem Moment griff sich der Maskierte den Topf mit dem kochenden Öl, der noch immer auf dem Herd stand und holte aus. Instinktiv stoppte Koichi in seiner Bewegung und riss die Arme vors Gesicht. Mit einem Platsch und einem hässlichen Zischen traf ihn die siedend heiße Flüssigkeit an Händen und an der rechten Wange.
Koichi brüllte auf vor Schmerz. Einen Augenblick lang war er vollkommen bewegungsunfähig und konnte nichts anderes tun, als diesen unglaublichen Schmerz herauszuschreien. Eben dies wollte der Einbrecher nutzen und sich zu seinem Komplizen im Schlafzimmer gesellen, als Koichi die Augen aufriss und erneut auf ihn zu preschte.
"Du Arschloch!", brüllte er ihm entgegen, dann traf ihn die Faust des Japaners in der Magengrube. Keuchend sackte er ein Stück weit zusammen, als ihn der Ellenbogen im Genick außer Gefecht setzte.
Koichis Hände und Wange schienen aus flüssigem Feuer zu bestehen. Es brannte unaufhörlich und war durch die Schläge eben alles andere als besser geworden. Stöhnend lief er dennoch ins Schlafzimmer, wo der Komplize eben die Kommode mit ihren persönlichen Sachen durchwühlte. Koichi sah rot - niemand, aber auch absolut niemand, durfte an Duncans und seine Sachen heran.
Erschrocken fuhr der Einbrecher zusammen und keuchte anschließend vor Schmerz auf, als Koichi hinter ihm auftauchte und ihm sein Knie in den Rücken rammte. Kurz darauf hatten ihn zwei Schläge mitten ins Gesicht und in den Magen niedergestreckt.
Das Gesicht des Japaners verzerrte sich gequält, als der Schmerz mit unglaublicher Geschwindigkeit und Intensität in seine verbrannten Hände und die rechte Gesichtshälfte zurück schoss. Er musste irgendwas zum Kühlen finden, sonst könnte er seine Finger und sein Äußeres für eine ganze Weile vollkommen vergessen.
Doch zuerst musste er diese beiden Kerle aus dem Haus bekommen.
Unter Aufbringung all seiner Kräfte und indem er mit genau diesen den Schmerz unterdrückte, schaffte er es, die beiden vor die Tür zu schleifen und auf dem Gehweg abzulegen. Mit einem kurzen Telefonat waren Polizei und Notarzt verständigt und Koichi konnte endlich ins Bad gehen, um Mullbinden und Kühlbeutel zu suchen. Dieses Pochen und Reißen unter seiner tiefroten und aufgeplatzten Haut war unerträglich. Bloß gut, dass er die Lederhose und ein Hemd aus derben Stoff anhatte, sonst sähe jetzt wahrscheinlich sein halber Körper aus wie die ihm so fremd und unwirklich erscheinende Hand, die sich durch den Schrank wühlte.
Endlich, da waren die verdammten Mistdinger ja! Er förderte sie schnell zu Tage und wollte eben den Schrank wieder schließen, als er in seiner dunkelsten Ecke eine kleine weiße Dose bemerkte.
Er hatte sie immer noch nicht weggeworfen. Schon lange hatte er keine davon mehr angerührt (vor allem dank Duncan, der ihm kurzerhand einen kalten Entzug verpasst und dann auf ihn aufgepasst hatte). Doch jetzt ... sie würden diese unbändigen Schmerzen lindern und ihn in eine Welt entführen, in der es ihm egal sein konnte, wie schwer man ihn verletzte. Eine angenehm warme, dunkle und dumpfe Welt.
Er ertappte sich dabei, die Hand auszustrecken und danach greifen zu wollen, zog sie dann aber wieder zurück, als habe er sich erneut verbrannt, und lief mit den Mullbinden und den Kühlbeuteln in die Küche. Dort angekommen, legte er letztere in den Gefrierschrank und versuchte nach bestem Wissen und Gewissen, sich selbst den Verband anzulegen. Ein paar Mal sog er scharf die Luft ein, wenn der Stoff aufgeplatzte Stellen berührte. Wieder wanderten seine Gedanken an den Badschrank zurück, doch er riss sich am Riemen und schaffte es schlussendlich, die Verbände ganz passabel anzulegen.
Die beiden Kühlbeutel waren in der Zwischenzeit zumindest ein wenig abgekühlt, sodass Koichi schon einmal einen wieder herausnahm und seine Hände darum schlang. Augenblicklich ging ein Stich von seinen Fingern ausgehend durch seinen gesamten Körper und er stöhnte gequält auf. Wie hatte das nur passieren können? Und: musste er die beiden auch noch zusammenschlagen mit diesen Wunden?!
Resigniert schüttelte er den Kopf. Manchmal verstand er selbst nicht, warum er sich in manchen Situationen so egal war und zunächst daran dachte, was ... ja, was? Was mit Duncan passieren würde? Was Duncan mit ihm machen würde, wenn er nicht so gehandelt hätte? Oder hatte er einfach nur einen ausgeprägten Selbstverletzungsdrang?
Wieder schüttelte er den Kopf und warf den Beutel in den Gefrierschrank zurück. Das nun abgekühlte Öl waberte auf dem Küchenboden herum, die flüssige Panade war auf dem halben Küchentisch verteilt, der Herd war noch an und zischte unaufhörlich vor sich hin.
Koichi überlegte, ob er sauber machen sollte (oder konnte), als er sich das Chaos besah. Zumindest schaltete er erst einmal den Herd aus und trat dann wieder einen Schritt zurück. Nein, das würde er später machen müssen. Den nun fast gefrorenen Kühlbeutel aus dem Eisschrank fischend, verzog sich Koichi ins Wohnzimmer - nicht ohne vorher noch mal kurz im Bad gewesen zu sein ... um etwas gegen die Schmerzen in seinem Gesicht zu unternehmen.
Abends trat Duncan durch die Wohnungstür, die schwer hinter ihm ins Schloss fiel. Erschöpft aber mit einem Lächeln steckte er den Kopf durch die angelehnte Wohnzimmertür und sah nach seinem Koichi. Er fand ihn schlafend auf der Couch, der Fernseher lief leise vor sich hin.
Nachdem er seinen Mantel und die Instrumente abgelegt hatte, ging er zu ihm und ließ sich vor dem Sofa in die Hocke gleiten. Seine Hand fand die Wange seines Geliebten, der auf der rechten Seite schlief, die Hände bequem unter das Kissen gelegt.
"Koi...?"
Ein kurzes Murren war die Antwort und Koichi drehte sich halb herum, von Duncan weg.
"Koi!!" Duncans entsetzter Aufschrei machte den Japaner sofort hellwach.
"Wa-was ist denn?"
"Das wollte ich dich grade fragen! Was ist denn mit dir passiert?!" Er deutete auf Koichis Wange, die gerötet und noch immer geschwollen war. Ein hässlicher, aber dünner Riss in seiner sonst makellosen Haut zog sich von knapp unter seinem Auge über die halbe Wange. Als er sich den Schlaf aus den Augen streichen wollte, fielen ihm zu spät seine verbundenen Hände ein - Duncan hatte sie schon ergriffen und starrte ihn ungläubig an.
"Was ... was hast du gemacht?", fragte dieser tonlos.
"Na ja ... ich glaube, das mit dem bei euch in der Band spielen hat sich erstmal wieder erledigt ...", gab Koichi kleinlaut von sich, erzählte dann aber die ganze Geschichte. Nur das mit den Pillen ließ er vorerst aus.
"Mein Gott ..." Duncan hatte sich wieder halbwegs gefangen.
"Aber mach dir keine Sorgen. Die kommen nicht wieder. Und mir geht's doch gut!" Koichi versuchte ein Grinsen, das allerdings gründlich schief wurde - nicht zuletzt ob seiner Verletzung.
"Dir geht's gut?!" Duncans Faust krachte neben ihm ins Polster. "Hast du dich mal im Spiegel gesehen?! Zeig mir deine Hände, Koi!"
Zusammenzuckend ob der lauten Worte streckte er seinem Geliebten die bandagierten Hände hin. Dieser löste die Mullbinden, die sich, je mehr sie abgerollt waren, immer schwerer und schmerzhafter lösen ließen. Koichi biss die Zähne zusammen. Dann hatte Duncan es geschafft und besah sich die Verbrennungen. Kurz schloss er die Augen, atmete einmal tief durch, dann riss er sie wieder auf und marschierte ins Bad. Dort angekommen warf er den alten Verband in die Wanne und kehrte mit frischem Verbandszeug ins Wohnzimmer zurück. Dort legte er es Koichis Händen an und schnappte ihn sich.
Während Koichi hinter Duncan in den Flur und kurz darauf zum Auto hinterher stolperte, rief er ununterbrochen "Hey, warte, was soll denn das?? Duncan, hey!"
"Ruhe. Ich bring dich zum Arzt. Ich hab keine Lust, dass sich das entzündet."
Die ganze Zeit über bis sie wieder zu Hause waren, schwiegen sie sich an.
Kaum wieder in den heimischen Wänden, erklärte Koichi, dass er müde sei und ins Bett gehen würde. Dicht gefolgt von Duncan stiefelte er ins Schlafzimmer, entledigte sich seiner Kleidung so gut es ging und kuschelte sich auf seine Seite des Bettes. Diesmal legte er sich nicht auf seine rechte Wange, die ein dickes, weißes Pflaster zierte. Auch seine Hände waren frisch verbunden.
Schweigend zog auch Duncan sich um und folgte Koichi ins Bett. Sich an ihn schmiegend, strich er ihm durchs Haar.
"Koi, ich liebe dich. Versuch gut zu schlafen ... Okay?"
Hilflos blickte er ihn an, erahnte sein Gesicht im Dunkeln mehr, legte seine Hand auf Koichis unverletzte Wange.
"Hm ...", kam zunächst nur zurück, dann jedoch fügte der Japaner leise an: "Ich liebe dich auch. Halt mich fest, Duncan ..." Er schloss die Augen und presste die Lider aufeinander. Fast unhörbar flüsterte er "Ich hatte solche Angst ..."
Liebevoll zog Duncan seinen Koi in seine Arme und hielt ihn fest. "Keine Angst, ich bin doch da. Konzentrier dich darauf, wieder gesund zu werden. Es wird alles wieder gut."
Ein kaum merkliches Nicken, kurz darauf vernahm Duncan nur noch leise gleichmäßige Atemzüge von seinem Geliebten.
Er jedoch lag noch lange wach und rief die Bilder von Kois Erzählung wieder in sein Gedächtnis. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer schmerzerfüllten Grimasse, seine Gedanken drehten sich im Kreis. Es dauerte jedoch nicht lange, bis er auch eingeschlafen war.
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