
Verbundenheiten II
Koichi stand stumm am Fenster und beobachtete die langsam höher steigende Sonnenscheibe am Horizont. Vor ein paar Minuten war die Tür ins Schloss gefallen und hatte ihn aufs Neue in die Einsamkeit der großen Wohnung eingesperrt. Seufzend verfolgte der junge Japaner den Flug zweier Kraniche, die sich gemeinsam gen Osten aufmachten.
Fast drei Monate verbrachte er nun schon in diesem ihm so fremden Land. Noch immer hatte er viele Sprachprobleme - so schlimm wie am Anfang war es jedoch glücklicherweise nicht mehr. Und obwohl er eigentlich allen Grund hatte, glücklich zu sein, fühlte er sich abgestoßen und nicht zuhause.
Damals hatten ihn unbändige Freude und kaum fassbares Glück übermannt, als er Duncan in Japan wiedergesehen hatte. Unerwartet gesteigert wurden jene Gefühle, als Duncan ihm angeboten hatte, mit seiner neuen Band eine Japantournee zu machen. Wochen und Monate hatte Koichi kein Instrument mehr angefasst, keine Texte wollten sich in dieser Zeit niederschreiben lassen und eigentlich hatte er seinen Traum vom erfolgreichen Musiker längst wieder an den Nagel gehängt.
Und nun das!
Auf Tour mit ihm und völlig unbekannten - zudem ausschließlich englisch sprechenden - Menschen, mitten unter ihnen, eine Gitarre in der Hand und plötzlich wieder im Scheinwerferlicht unzähliger Bühnen. Sogar eines seiner alten Lieder, das niemals jemand außer Duncan gehört hatte, durfte er solo - nur von ihm auf der Violine begleitet - vor dem breiten japanischen Publikum zum besten geben.
Es schien Koichi Äonen her gewesen zu sein, dass er mit Duncan bei ihrer alten japanischen Band "Insane" unfassbare Erfolge gefeiert hatte, bis diese schließlich an sich selbst zugrunde gegangen war. Danach hatten sich all ihre Wege wieder getrennt - die Ex-Bandmitglieder hatten sich in ganz Japan verstreut und Duncan, gebürtiger Kanadier, war in seine Heimat zurückgekehrt und hatte so nicht nur seine alte Band hinter sich gelassen, sondern auch seinen Koichi.
Er seuzfte.
Noch immer konnte er es kaum glauben, dass der ehemaliger Drummer einfach so verschwunden war. Sie beide hatte stets mehr verbunden als nur ihre Instrumente in einem Song,wie es bei all den anderen Bandmitgliedern gewesen war - so viel mehr ...
Doch dann stand Duncan eines Abends einfach wieder vor ihm, mitten in Tokyo, vor dem Club, in dem sie vor so langer Zeit auch mit "Insane" angefangen hatten. Es war wie ein Wunder. All das Leid und die Schmerzen der vorangegangenen Monate wurden einfach von Duncans Lächeln hinfort gewischt. Koichi war ihm um den Hals gefallen, hatte ihn an sich gedrückt, ihn umarmt, als hätte er Angst, all das könnte nur eine Sinnestäuschung sein, die sich im nächsten Moment in nichts auflösen würde.
Es war Wirklichkeit.
Und Duncan nahm ihn einfach mit, entfachte sofort wieder das alte Feuer und riss Koichi mit sich, als wäre er der Sturm, auf den er so lange - vergeblich, wie er meinte - gewartet hatte. Dann tourten sie gemeinsam über die Bühnen, die sie so geliebt hatten, ganz so, als wären sie niemals getrennt gewesen.
Als die Tournee jedoch ihrem Ende zuging, kamen Koichi die ersten Zweifel. Was würde danach passieren? Warum war Duncan zurückgekehrt, wie hatte er ihn gefunden und würde er einfach wieder aus seinem Leben verschwinden, wenn die Tour zu Ende war?
In diesem Moment eröffnete Duncan ihm, dass er vorhatte, wieder nach Kanada zurückzukehren - zusammen mit ihm.
Koichis Augen weiteten sich ungläubig und wären wahrscheinlich einfach aus ihren Höhlen gefallen, hätte Duncans Lachen ob seines offensichtlich komischen Gesichtsausdruckes ihn nicht wieder zu sich kommen lassen.
Nach Kanada! Kanada?!
Koichi wusste ungefähr, wo dieses Land lag, dass man dort nur englisch sprach und alles völlig anders als in seiner Heimat war. Aber mehr? Wie sollte er dort leben?
Seine Gedanken überschlugen sich. Duncans Anmerkung, dass er ja noch drei Tage Zeit hatte, sich alles genau zu überlegen, machten es auch nicht besser. Kanada!
Und nun war er hier. Er wohnte bei Duncan, genauso, wie es auch in Japan gewesen war, machte ein bisschen Musik - allerdings erneut nur für sich allein oder für Duncan - und versuchte mit diesem Land und seinen Menschen klarzukommen. Duncans Familie, zu der er ab und an mitgenommen wurde, war zwar sehr nett und kümmerte sich um ihn, als gehöre er ebenfalls zu ihnen, doch irgendetwas in ihm wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Vielleicht lag es an seiner Herkunft, seinem stets düsteren Aussehen oder seiner schweigsamen Art, dass ihn die Familie trotz aller Bemühen nie so wirklich akzeptiert hatte - bis auf Duncans lebhafte, jüngere Cousine, die ihn augenscheinlich ins Herz geschlossen hatte.
Die Bilder der letzten Nacht tauchten plötzlich vor Koichis innerem Auge auf. Wieder eine Nacht, wie es schon viele vor ihr gegeben hatte: Duncan kam erschöpft vom langen Proben spät abends nach Hause, verkroch sich in sein Heimstudio und tüftelte an Songtexten herum, während Koichi in der Küche stand und ihm sein Abendessen aufwärmte, mit dem er erneut vergeblich gewartet hatte. Meistens hatte Duncan dann sowieso keinen Hunger mehr und war viel zu vertieft in seine Arbeit, sodass der Japaner das Essen wohl oder übel wieder wegstellen musste und ihn allein ließ.
Spät in der Nacht kam Duncan dann aus seinem Studio, noch müder und abgekämpfter als zuvor und setzte sich zu Koichi, der vor dem Fernseher ausgeharrt hatte, obwohl er nur die Hälfte von den Filmen, die dort liefen, verstand.
Diese Nacht jedoch war einem unheimlich schwülen Tag gefolgt - das erhoffte Gewitter war wieder einmal ausgeblieben - und die Luft war schwer und heiß. Kleine Schweißperlen standen auf der Stirn der beiden Männer, die nebeneinander auf der Couch saßen und auf den Fernseher starrten.
"Bist du endlich fertig?", fragte Koichi in die Stille des lautlosen Bildschirmflimmerns.
"Hm", meinte Duncan nur knapp und lehnte sich an Koichis Schulter, die Arme um seinen Bauch geschlungen. "Lass uns ins Bett gehen, Koi ..."
Die letzten Schweißtropfen versickerten in dem zerwühlten Laken unter ihnen, als sie nach unzähligen Augenblicken in einen tiefen, traumlosen Schlaf fielen. Wenigstens in der Nacht hatte Koichi das Gefühl, dass sich seit "Insane" eigentlich nichts verändert hatte. Sie waren noch immer dieselben, fühlten wie damals, als sie noch in Japan in derselben verrückten Band gespielt hatten, waren sich nahe, als gäbe es nichts anderes außer ihnen.
Doch tief in ihm war ihm bewusst, dass dies hier eigentlich Duncans Leben war, in das er versucht hatte, sich zu integrieren, bisher jedoch nur einen Nebenplatz ergattern konnte. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als ein gemeinsames Leben mit seinem Duncan - doch bislang lebten sie nur mehr zusammen und nicht gemeinsam. Und auch diese Nacht war Koichi nur für ein paar schnelle Atemzüge Duncan wieder so nahe gewesen, wie er ihm immer sein wollte.
Wieder seufzte er, schüttelte den Kopf, als könne er dadurch die Gedanken vertreiben und wandte sich vom Fenster ab. Er machte sich auf in die Küche, um sich einen Tee aufzubrühen und sich mit der Lektüre des herumliegenden Musikmagazines abzulenken. Schon wieder hatte es "Some Infinity", Duncans neue Band, auf das Titelblatt geschafft - mit einer großen Ankündigung zu ihrem aktuellen Album.
Erneut schüttelte Koichi den Kopf und legte das Magazin ungelesen auf den Tisch zurück.
Es ließ ihn nicht los. Duncan lebte in seiner Welt, hatte ihn zwar bei sich, aber gedachte ihm keine große Rolle mehr in seinem Leben zu. Koichi beschloss dennoch, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie waren zusammen, nur das zählte. Das waren die besten Voraussetzungen, um ihr gemeinsames Leben, wie sie es in Japan gelebt hatten, wieder aufzubauen. Er wollte keine Nebenrolle mehr spielen - und dagegen würde er nun etwas unternehmen. In dieser Nacht.
Wieder ein schwüler Tag, dem eine unangenehm warme Nacht folgte.
Als Duncan gegen zehn die Tür aufschloss und wenig später seinen Kopf ins Wohnzimmer steckte, um Koichi zu sagen, dass er ins Studio ginge, kam dieser ihm zuvor und zog ihn zu sich. Überrascht zeigte Duncan keine Gegenwehr, ließ seine Tasche fallen und fand sich wenig später halb entblößt auf der Couch wieder.
"H-hey, Koi, ich ... warte mal ... hey! Was wird denn das?!", brachte er mühevoll hervor, als Koichis Lippen seine Brust berührten.
Ihn von unten her anschauend, erwiderte der Angesprochene nur "Entspann dich! Heute gehst du nicht in dein muffiges Studio ... jetzt bin ich mal dran."
Noch immer in seiner Überraschung gefangen, ließ Duncan geschehen, was er mit ihm tat und fand sich schon bald in den höchsten Gefilden der Lust wieder.
Nach einer endlos scheinenden Zeit ließ Koichi von ihm ab, hauchte noch einen Kuss auf seine Lippen und verschwand im Heimstudio. Verwirrt richtete sich Duncan halb auf und beobachtete ihn, als er mit seiner Gitarre in der Hand wieder zurückkam.
"Koi, sag mal, was ist denn heute mit dir ...?", fing er an, wurde aber von dem Japaner unterbrochen.
"Hör mal zu."
Fast eine Viertelstunde spielte Koichi auf seiner Gitarre und flocht sogar einen leisen, unaufdringlichen Gesang ein, der sein Gitarrenspiel keineswegs in den Hintergrund stellte. Duncan, der musikalisch eigentlich viel bewanderter war als er, staunte nicht schlecht, hatte er ihn doch schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr spielen gehört. Fast hatte er gefürchtet, sein "Vögelchen" würde nie mehr singen in dem Käfig, in den er ihn scheinbar gesperrt hatte. Umso größer war seine Bewunderung.
"Das war wunderschön, Koi", sagte er leise, als Koichi die Gitarre beiseite stellte und ihn erwartungsvoll ansah.
"Wirklich?" Ein unsicherer Blick.
"Aber ja! Ich dachte schon, du hättest das Spielen vollkommen aufgegeben, seit du hier bist ..."
"Das habe ich heute geschrieben, als du bei der Probe warst", erklärte er, stand auf und hockte sich dann vor Duncan hin, um ihn von unten her zu mustern. "Sag mal ..."
"Ja?"
"Meinst du, das reicht, um bei euch mitzumachen? So, wie sich eure Lieder anhören, könnte euer Gitarrist ein bisschen Unterstüzung gebrauchen!", grinste er ihm entgegen.
Als es nun an Duncan war, ungläubig zu schauen, als würden ihm fast seine Augen aus den Höhlen treten, war es Koichi, der diesmal laut auflachte und ihn umarmte. Duncan erwiderte die Umarmung und musste nun ebenfalls lachen.
"Aber klar, Koi, für dich ist doch immer Platz! Du hättest nur etwas sagen brauchen, dann hätten wir dich sofort aufgenommen!"
"Ehrlich? Und ich quäle mich hier drei Monate lang, nur um jetzt zu erfahren, dass ich nur hätte fragen brauchen?!", empörte sich Koichi gespielt. "Na warte!"
Kichernd sprang Duncan auf und machte einen Satz über die Couch, um schnellstens in Richtung Schlafzimmer zu verschwinden - dicht gefolgt von Koichi.
"Diese Nacht bekommst du keinen Schlaf!", drohte Koichi grinsend.
"Na, komm doch!", rief Duncan auffordernd und landete zusammen mit seinem Gegenüber auf dem Bett, als dieses einfach auf ihn zusprang und ihn so mit sich riss. Kurz darauf verschmolzen ihre Körper erneut.
"Ich liebe dich...!", brachte Koichi noch hervor, dann verschlossen Duncans Lippen wieder die seinen. "Lass mich nie wieder los...!"
"Nie wieder, Koi ... nie wieder ...."
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