Vrbundenheiten I

Koichi lief über die regennassen Straßen. Seit gestern Abend schüttete es unaufhörlich, der Wind war stark aufgefrischt und fuhr den wenigen Menschen auf den nass glänzenden Bürgersteigen eiskalt durch die Kleidung.
Überall auf den großen Leinwänden an den Hochhäusern hingen schnell dahin gezimmerte Plakate, die in riesigen Buchstaben verrieten, dass "Some Infinity" nach Japan kommen würden.
Some Infinity ...
Koichi wandte den Blick ab und schloss kurz darauf die Augen, da der mittlerweile strömende Regen ihm mit jeder Windbö gegen das Gesicht schlug.
Some Infinity ...
Ja, so hieß sie, die neue Band von Duncan. Auf den Plakaten hatten sie als Hintergrund ein Foto der Musiker abgebildet, auf dem sie eine große Halle rockten: Drummer, Bassist, Gitarrist, Keyboards, eine Menge anderer Instrumente, der Sänger mit seiner Querflöte ... Duncan. Sein Bild brannte sich in Koichis Gedanken.
Das dort oben war Duncans neues Leben. Er hatte seine Worte wahr gemacht und seinen Traum verwirklicht. Er machte jetzt seine eigene Musik - nach seinen Vorstellungen, mit seinen Texten und Instrumenten und mit ihm als Sänger. Endlich konnte er sich so entfalten, wie es ihm bei Insane nie möglich gewesen war; niemand engte ihn ein oder fesselte ihn an ein Image, das er nie haben wollte. Duncan war wie ein verletzter Vogel, der seine Flügel nach viel zu langer Zeit endlich entfalten konnte und sich mit dem ersten Windstoß erhob, um in seine eigene Freiheit zu fliegen. Niemand hielt ihn fest ...
Koichi war stehen geblieben, um durch ein schmutziges Schaufenster in einen herunter gekommenen Laden zu blicken. Hinter der Theke stand ein kränklich wirkender Mann, vermutlich in Koichis Alter, der vergeblich auf Kundschaft wartete. Als der hagere Schwarzgekleidete den Raum betrat, hob der Verkäufer den Kopf und seine Miene erhellte sich ein wenig.
"Koichi! Da bist du ja!", hieß er ihn willkommen und gab dem Angesprochenen die Hand.
"Hast du alles?!", war seine Antwort, als er kurz die ihm angebotene Hand ergriff und dann in Richtung der Ladentheke nickte.
"Ja." Und schon kramte der Ladenbesitzer unter der Theke herum, um einen Beutel und zwei kleinere Fläschchen zutage zu fördern. "Hier." Er reichte Koichi die Sachen, der sie kurz begutachtete und dann in seine Manteltasche gleiten ließ.
"300 Riesen." (etwa 2100 €)
"Guz, du weißt genau, dass meine Abfindung von Insane's Trennung fast aufgebraucht ist."
"Na gut ... weil du es bist", erwiderte Guz nach einigem Zögern, "200 Riesen, aber weniger kann ich dir wirklich nicht abnehmen, bester Freund hin oder her ..." Dem Verkäufer war sichtlich unwohl in seiner Haut, bis Koichi endlich in seine andere Manteltasche griff und einen Stapel Scheine auf die Theke fallen ließ.
"Danke, alter Freund", sagte er und verzog seinen Mund zu einer Art Lächeln.
Während Guz das Geld sicher verstaute, sah er Koichi in die Augen, die noch dunkler waren als das letzte Mal.
"Meinst du wirklich, dass das der richtige Weg ist, Koichi?", fragte er leise.
"Fragte der Fixer", entgegnete dieser und wandte sich zum Gehen, als Guz sich unwillkürlich an den linken Oberarm griff.
"Bis später", meinte der schwarz gekleidete junge Mann noch, dann trat er aus dem Laden wieder in den Wolkenbruch.

Ja, so sah sein Leben aus: Er schlug sich so durch, nahm wieder - oder immer noch? - dieses Teufelszeug, hatte sogar etwas neues für sich entdeckt, das sie "Flüssiges Kristall" nannten, schleppte jede Nacht eine andere Frau oder einen jungen Kerl ab, wohnte wieder in seiner kleinen 2-Zimmer-Wohnung und hatte sich als Musiker völlig aufgegeben. Kurz: Koichi war erneut zu dem geworden, was er eigentlich seit Jahren hinter sich lassen wollte.
Doch er konnte es nicht schaffen. Es gab nichts mehr, was ihm die nötige Kraft gab, aufzustehen, loszulassen und stark zu bleiben, wenn alles um ihn herum in Dunkelheit versank. Koichi fühlte sich schwach und ausgezehrt seit Duncan zurückgegangen war. Einfach verschwunden war er, ein einfaches "Ich will meinen Traum leben" und ein hoffnungsleeres "Komm doch mit mir" als Abschied, dann war er fort, als hätte es ihn in Koichis Leben nie gegeben. Und mit sich hatte er alles genommen, was Koichi jemals besessen und geliebt hatte: er war nicht mehr imstande, Musik zu machen, stark zu sein, mit den Pillen endlich aufzuhören und er konnte nicht mehr lieben. Jede Frau und jeder Junge, die er mit nach Hause nahm oder mit denen er es wie so oft gleich in einer schmutzigen Seitenstraße trieb, verschafften ihm bestenfalls Befriedigung - wenn überhaupt. Sein Herz aber rührte seit Duncans Weggang nichts mehr an; ein tiefer Riss zog sich vom oberen Ende bis zur Spitze und verursachte bei jedem Schlag schmerzhafte Stiche.
Koichi schüttelte heftig den Kopf, als sei dies eine Erfolg versprechende Methode, die Gedanken zu vertreiben. Er kramte aus seiner Tasche zwei weiße Pillen heraus und warf sie sich in den Rachen. Sie runter schluckend sah er sich nach einem Mädchen um.
Keine zehn Minuten später drang in einer Seitengasse ein erregtes Stöhnen aus dem weit geöffneten Mund eines sechzehnjährigen Mädchens, an das Koichi immer wieder seinen kalten Leib drückte.

"Oide, oide, come with me - It will be for just one night - Side street or hotel room - I will have what I need ..."

Koichi sang mit rauer Stimme das alte Lied vor sich hin, während er auf dem Weg zu seiner Wohnung einen aufgeweichten Pappkarton von der Straße kickte.
Kurz vor dem Eingang des Hauses, in dem er wieder "lebte", blickte er in ein bekanntes Gesicht.
"Na, mein dunkler Prinz?", lächelten ihm viel zu rot geschminkte Lippen entgegen, schwarz-blaue Lider zogen sich zurück, um tiefgrünen Augen zu weichen, die den jungen Mann musterten.
"Chantal", bemerkte Koichi und sah die Hure leicht verwundert an. "Was machst du hier?"
"Nun, ich dachte, dass du vielleicht etwas Spaß mit mir haben möchtest!", zwitscherte Chantal und stöckelte auf Koichi zu.
"Also brauchst du entweder Kohle oder Stoff", entgegnete dieser trocken. "Ersteres habe ich allerdings nicht. Und meinen 'Stoff' kennst du. Wenn du immer noch willst, komm mit hoch."
Wortlos schloss er die Tür auf und trat in den dunklen Hausflur. Chantal folgte ihm.

In seiner Wohnung brachte Koichi zwei Dosen Bier mit ins Wohnzimmer und ließ den Beutel und die zwei Flaschen auf die Couch fallen. Nachdem er beide Dosen geöffnet hatte, nahm er zunächst einen kräftigen Schluck und machte sich dann an einer der Fläschchen zu schaffen.
"Liquid Crystal?" Chantal sah überrascht auf, während Koichi ein paar Tropfen der Flüssigkeit in die Dosen träufelte.
"Genau. Sag nicht, du hast es noch nie probiert!?"
Mit diesen Worten hielt er Chantal das noch volle Bier unter die Nase. Die Hure nahm es an, trank aber noch nicht.
"Schon, aber ...", begann sie, wurde aber sofort von ihrem Gegenüber unterbrochen.
"Na, dann Prost!", sagte der hagere Mann und leerte sein Bier fast zur Gänze.

Einige Zeit später war die alte Decke auf der Couch zerwühlt, die Dosen lagen leer und zerdrückt auf dem Fußboden, die beiden verschwitzten, heißen Leiber verschmolzen zum vierten Mal, Chantal stöhnte fast ohne Unterlass vor Lust, die ihr der kräftige Mann in ihn bereitete. Überall hatte er sie berührt, die ganze Nacht über hatte er ihr nur eine winzige Pause gegönnt, immer wieder stieß der sonst so sanft wirkende Ex-Musiker sein hartes Geschlecht in sie hinein, sodass sie fast geglaubt hatte, es würde sie zerreißen.

Beim ersten Morgengrauen ließ er von ihr ab, bedeutete ihr, ihre Kleider einzusammeln und seine Wohnung zu verlassen.
"Bis bald", sagte sie und drückte ihm im Türrahmen noch einen Kuss auf die Wange.
Grußlos verschloss er die Tür.
Im Wohnzimmer trat er die mittlerweile fünf leeren Dosen in irgendeine Ecke, warf die schweißfeuchte, klebrige Decke hinterher und strich sich ein paar Mal fahrig durch das lange schwarze Haar, das nun feucht an seiner Stirn und in seinem Nacken klebte.
Er suchte den Beutel, fand ihn unter dem niedrigen Couchtisch, entnahm ihm zwei weiße Vergessen-Macher und schluckte sie ohne Flüssigkeit hinunter.
Dann ging er ins Bad, duschte, um sich den Schmutz des Tages abzuwaschen, zog seine Sachen wieder an und verließ die Wohnung.