
Tanjô-bi omedetô, koibito ... (Happy Birthday, my love ...)
Vor dem Fenster sanken weiße Flocken langsam vom Himmel herab. Still saß Koichi auf dem Fensterbrett. Sein Blick war durch eine schmale Lücke zwischen den zahllosen Eisrosen, die das kalte Glas über und über bedeckten, in den Abend gerichtet.
Vor wenigen Minuten hatte es zu schneien begonnen, doch schon jetzt lag eine dichte weiße Decke auf den Wegen und trockenen Grasflächen vor ihrem Haus. Auch die Bäume hatten sich ein weißes Gewand übergestreift und ließen einzelne Windböen um ihre starren Äste streifen. Die Spuren eines flinken Tieres markierten seine Flucht vor den kalten Flocken von einem der Bäume in seinen Bau.
Von irgendwoher drangen leise Klavierklänge, unter die sich ab und an die leichte Stimme einer einzelnen Violine mischte.
Koichi lächelte versonnen ins Dunkel vor und hinter seinem Fenster.
Heute war es endlich soweit.
Er hatte alles vorbereitet, hatte die ganze Woche genauestens geplant, eingekauft, so unauffällig wie es eben möglich war die ganze Wohnung geputzt ... heute war der Tag.
Ein sanfter, unaufdringlicher Duft ging von den Cinnamon-Kerzen auf dem Regal aus und vermischte sich mit Koichis Vorfreude. Er wusste nicht genau, was "Cinnamon" bedeutete, fand aber den Geruch derart ansprechend, dass er sofort zehn dieser Duftkerzen mitgenommen hatte. Irgendwie erinnerte der Duft ihn sogar an Duncan ...
Duncan ...
Bald müsste er zu Hause sein. Wahrscheinlich wieder gestresst von der Probe und dem anschließenden Interview für das "M³", das "Marvelous Music Magazine". Die Arbeiten an dem neuen Album und die Planung für die Wintertour nahmen ihn in letzter Zeit sehr in Anspruch. Manchmal kam er spät abends für ein paar Stunden Schlaf nach Hause, nur, um dann am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang wieder zu verschwinden.
Koichi seufzte bei diesem Gedanken. Dann allerdings umspielte wieder ein Lächeln seine Mundwinkel. Heute würde es anders sein. Dieser Abend gehörte nur ihnen beiden. Für den morgigen Tag hatte er Duncan einfach bei seinen Bandkollegen abgemeldet, die zwar zunächst verwundert reagierten - Gregg drohte sogar mit dem vollen Terminkalender - nach einer knappen Erklärung seitens Koichi jedoch grinsend einwilligten.
Der Flockenwirbel wurde immer dichter, schon bedeckte der Schnee ein paar Zentimeter hoch die gefrorene Erde. Mehr und mehr Rosen aus weißem Kristall entfalteten ihre Blüten auf dem kalten Glas des Fensters und erzählten ihre Geschichten von Schönheit und Sehnsucht.
Langsam erhob sich der junge Japaner, schlenderte vom Wohnzimmer in die geräumige Küche und kontrollierte mit einem Blick in den Backofen den Zustand des Kuchens. Noch nie hatte er auch nur ansatzweise gekocht, geschweige denn gebacken.
Doch - einmal. Aber das Ergebnis war leider ungenießbar, außerdem musste er danach seine Küche einer Komplettrenovierung unterziehen, was sehr unerfreuliche Auswirkungen auf seine damals sehr knappen Finanzen hatte.
Mit dem Ergebnis seines jetzigen Versuches war er allerdings bisher ganz zufrieden. Diesmal hatte er sich auch streng an das Rezept in diesem seltsamen Magazin gehalten. Er hatte zwar nicht alles genau verstanden (Fachbegriffe für die Küche waren ihm immer noch fremd - alles, was er zuordnen konnte, waren Butter, Zucker, Eier und so etwas in der Art - aber was "rub some orange peel" bedeuten sollte, konnte er sich nicht erklären), doch irgendwie war es gut gegangen. Als er beim Kosten des Teigs sogar ein "Mmh!" hervorbrachte, war er vollends überzeugt, dass es diesmal gelingen würde.
Mittlerweile hatte sein Werk eine wunderbar dunkelbraune Farbe angenommen und war etwas in seiner Form gewachsen. Noch zwei Minuten, dann konnte Koichi ihn aus dem Ofen befreien, mit Puderzucker bestreuen und ... ihm würde schon noch etwas einfallen. Die Topflappen greifend - den Fehler würde er nicht noch einmal machen, dachte er und betrachtete seine Hand, die beim ersten Backversuch einige Brandblasen geziert hatten - öffnete er die Ofentür und machte sich schon wenig später daran zu schaffen, den Kuchen unbeschädigt aus der Form zu bekommen. Nun verbreitete sich der Duft nach frischem Backwerk in der ganzen Wohnung, den Cinnamon-Kerzen im Wohnzimmer sofort überlegen.
Mit Puderzucker bestreut und durch dunkle kleine Schokoladensterne dekoriert fand die frisch gebackene Überraschung ihren Platz auf dem sorgsam dekorierten Wohnzimmertisch. Zwei lange, dünne Kerzen standen in den silbernen Kerzenhaltern auf dessen Glasplatte, Streichhölzer lagen griffbereit daneben. Der Rotwein, den Koichi nach langem Überlegen ausgewählt hatte, hatte Zimmertemperatur und wartete neben zwei bauchigen Gläsern auf seinen Einsatz. Noch immer flossen leise Klänge aus der Anlage auf der alten Kommode, rieselten langsam wie die Schneeflocken vor dem Fenster, wanden sich in einem unsichtbaren Windhauch und verwoben sich zu einem feinen Netz aus Harmonie.
Alles war perfekt.
Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet Koichi, dass Duncan jeden Moment durch die Tür kommen konnte. Die Duftkerzen waren fast herunter gebrannt, doch das war dem Japaner nur recht - ihr Geruch lag noch immer leicht in der Wohnung und hatte sich mit dem Kuchenduft zu einem warmen, behaglichen Gefühl vermischt.
Er konnte es kaum erwarten, lief von einer Ecke des Wohnzimmers in die nächste, schaute aus dem Fenster, lief wieder zurück, ging zur Tür, horchte, sah wieder aus dem Fenster, kontrollierte, ob auch wirklich alles an seinem Platz war ... Koichi war wahnsinnig aufgeregt.
Schließlich setzte er sich auf das Sofa, wovor seine Bemühungen auf dem Tisch warteten und starrte in Richtung des Fensters. Die Flocken wirbelten in einem weißen Reigen umher. Eine kurze Sturmböe erfasste sie, dann glitten sie wieder in gewohnter Manier an den kristallenen Rosen vorbei. Jeden Moment musste er kommen ...
Zwei Stunden später - es war fast Mitternacht - schloss Duncan die Tür zu seiner und Koichis gemeinsamer Wohnung auf. Sofort nahm er den warmen Duft nach Zimt - und etwas frisch gebackenem?! - wahr. In der Wohnstube fand er den Grund dafür vor einem auf der Couch eingeschlafenen Koichi: Duftkerzen und Kuchen.
Er überlegte, ob er Koichi wecken sollte, als dieser sich mit dem Arm über die Augen fuhr, blinzelte und dann mit einem erschrockenen Satz aufsprang.
"Duncan!" Er kam auf ihn zu gelaufen.
"Bist du schon lang da? Tut mir leid, ich bin eingeschlafen! Ich hab gewartet und aus dem Fenster geschaut und ..."
"Nun mal ganz langsam, Moment, Moment!", versuchte Duncan lachend sein Gegenüber zu beruhigen. "Dass du eingeschlafen bist, hab ich gesehen!" Sein Grinsen schien von einem Ohr bis zum anderen zu reichen.
Empört zog Koichi eine Schnute, fing sich dann aber schnell und zog Duncan den Mantel aus, der über und über mit halb geschmolzenen Schneeresten bedeckt war. "Setz dich!", rief er aus dem Flur zu Duncan, wo er dessen Mantel an die Garderobe hing und umgehend zu ihm zurückkehrte.
"Tut mir leid, es hat mit dem Interview alles etwas länger gedauert", hörte er Duncan gerade sagen, als er aus dem Flur wieder kam. Duncan war seiner Aufforderung noch nicht nachgekommen - sondern starrte ihn nur weiterhin perplex an - also schnappte sich der Japaner seinen Arm und zog ihn sanft zum Sofa. Dort angekommen, platzierte er ihn genau vor dem gedeckten Tisch und zog ein Streichholz aus der Schachtel, um die Kerzen zu entzünden. Als diese brannten, huschte er unter den verwirrten Blicken Duncans zur Anlage hinüber und legte die Akustik-CD eines bekannten japanischen Musikers ein.
Lange hatte Koichi überlegt, welche Musik er wählen sollte, hatte sich dann aber aufgrund der Stimmung für diese entschieden. Außerdem wusste er, dass Duncan diesen Musiker ebenfalls sehr gern hörte und er so sicherlich seinen Geschmack treffen würde.
Als das leise "Itsumademo kimi dake wa ... kawaranai de soba ni ite ... boku no ude de dakishimeta toki kara" in den Raum floss und Koichi sich dicht neben Duncan setzte, wagte dieser das erste Mal eine Frage.
"Sag mal, was wird das eigentlich?"
"Schhh!", machte der Angesprochene nur sanft und legte seinen Zeigefinger auf Duncans Lippen. Dann zog er die Weinflasche zu sich und entkorkte sie vorsichtig. Während er zuerst Duncan und dann sich selbst einschenkte, lächelte er unaufhörlich vor sich hin.
Kaum hatte er die Flasche wieder zurück auf den Tisch gestellt, nahm er die beiden Gläser und reichte Duncan eines. Dieser nahm es zwar an, drehte es aber nur in seinen Fingern, Koichi noch immer verwirrt anschauend.
"Koi, sag mir doch endlich ...", begann er, kam aber nicht weiter, denn schon wieder hatte Koichi den Finger auf seine Lippen gelegt. Resigniert schwieg er.
Einen kurzen Moment wartete Koichi noch, dann beugte er sich vor und verschloss Duncans Mund sanft mit seinem. Seine Finger strichen durch Duncans weiches, langes Haar, fanden seinen Nacken und streichelten ihn, dann zog Koichi ihn zur Gänze in seine Arme.
Viele Herzschläge später erst löste er sich ein Stück weit von Duncan, sah ihm in die Augen und sagte leise "Alles Gute zum Geburtstag, Schatz ..."
Duncan war sichtlich baff. Seinen Geburtstag hatte er im Album- und Tourplanungsstress vollkommen vergessen.
Koichi lächelte unerschütterlich und strich mit seiner Hand leicht über Duncans Wange. Dann hob er sein Glas und prostete Duncan zu, der, aus seiner Erstarrung erwachend, ebenfalls seines hob und mit ihm anstieß. Der Wein war süß und schwer, genau wie Duncan es mochte. Schon nahm er einen zweiten Schluck und ließ die warmen Tropfen seine Kehle hinab perlen.
Begleitet von den leisen akustischen Klängen und eingerahmt in den warmen Schimmer des Kerzenlichts, ließ sich Duncan in die Kissen der Couch sinken und schloss die Augen. Er genoss Koichis sanftes Streicheln seiner Wange und spürte sein Lächeln.
"Freust du dich?"
Duncan nickte nur als Antwort, schlug dann aber die Augen wieder auf und sah seinen Koi lächelnd an.
"Das hast du wunderbar gemacht ..."
"Ich hab sogar einen Kuchen gebacken!", strahlte Koichi, "Und er ist weder verbrannt, noch ungenießbar!"
"Sieht toll aus ...", erwiderte Duncan leise lächelnd mit einem Blick auf den mit Fingerspitzengefühl aus der Form befreiten und feinfühlig dekorierten Schokoladenkuchen. Nachdem er ein Stück dessen probiert hatte, war er sich sicher, dass Koichi ewig dafür in der Küche gestanden haben musste - hatten sich doch seine Tätigkeiten in der Küche solange sie sich kannten, bestenfalls auf einen Tee aufbrühen oder ein Fertiggericht in die Mikrowelle schieben beschränkt. Stolz mischte sich in seine Freude.
Als sich Duncan wieder in die Kissen lehnen und die Augen schließen wollte, hielt ihn Koichi sanft zurück.
"Ich hab noch etwas für dich ..."
Duncan blinzelte ihm überrascht entgegen. "Noch etwas?"
"Ja ..." Kois Lächeln verriet seine Freude und Unsicherheit gleichermaßen. "Ich weiß aber nicht, ob es dir gefällt ..."
Seine Hand verschwand in der Seitentasche seiner Hose und förderte einen kleinen schwarzen Gegenstand zutage. Es fühlte sich weich an, als er es Duncan in die Hand legte und seine Finger darum schloss.
"Es soll dich beschützen, dich immer an mich erinnern ... und meine Liebe zu dir zeigen."
Er hatte nur geflüstert und dann die Hand langsam von der Duncans genommen und ihn auffordernd angeschaut.
Duncans Blick senkte sich auf das kleine samtene Säckchen in seiner Hand. Was mochte das sein?
Die Neugier in ihm wuchs und schon hatte er das Satinband gelöst und öffnete vorsichtig das Beutelchen. Zuerst entließ es eine dünne silberne Kette aus der Dunkelheit seines Inneren, dann fiel ein filigraner Kreuzanhänger, dessen Mitte ein funkelnder Granat zierte, auf Duncans Hand. Das flackernde Licht der Kerzen brach sich auf der silbernen Oberfläche des Kreuzes und ließ das kühle Metall fast warm wirken - der tiefrote Stein in seiner Mitte, dessen Farbe in diesem Licht der von Blut ähnelte, unterstrich dieses Gefühl.
Duncans Augen weiteten sich ungläubig.
"Das ... das kann ich doch nicht ..."
Koichis sanftes Lächeln kam ihm zuvor. "Doch, mein Geliebter, das kannst du ... und ich wäre traurig, würdest du es nicht annehmen."
Seine leise Stimme ließ keine andere Antwort als "Ja" zu.
Vorsichtig nahm Koichi Duncans Geschenk aus dessen Hand, um es anzuprobieren. Er hatte gerade den Verschluss geschlossen und wollte sein Werk betrachten, als er Duncans Arme um sich spürte, die ihn fest an ihn zogen.
"Danke", wisperte Duncan an seinem Ohr und er fühlte, wie eine einzelne Träne den Weg über die Wange seines Geliebten auf seine Schulter fand und von dort hinab rollte, um im weichen Stoff unter ihnen zu versickern.
Er nahm Duncans Gesicht in die Hände und lächelte verstehend. Dann schaute er ihn genauer an und nickte erneut.
"Es steht dir ..." -
Wenig später waren die Kerzen erloschen, die Musik verebbt, die Weinflasche fast gänzlich geleert. Der Kuchen ruhte im Kühlschrank und wartete auf den nächsten Morgen. Die Tür zum Schlafzimmer war nur angelehnt, leise drangen die Stimmen der beiden Männer auf den Flur.
"Ich liebe dich..."
Ein Kuss. Dann noch einer.
"Ich liebe dich auch!"
Langsam ließ sich Koichi hinabsinken, um sich seinen Weg von Duncans Brust über dessen Hüften zu seinem Ziel unterhalb dessen Bauchnabel zu bahnen. Seine Zunge liebkoste ihn, entlockte ihm immer öfter ein ersticktes, ungeduldiges Stöhnen.
"Bitte Koi, lass mich nicht länger warten ..."
Lächelnd richtete sich der Angesprochene ein Stück weit auf und seine Lippen küssten sich zurück bis zu Duncans leicht geöffnetem Mund. Seinen Körper zwischen die Beine seiner Liebe gleiten lassend, hauchte Koichi dicht an Duncans Ohr "Ich kann auch gar nicht länger warten ...", dann drang er in ihn ein.
Die Körper der beiden Männer verschmolzen Mal um Mal, ein fordernder Rhythmus bestimmte ihre Bewegungen, ihre Küsse. Keuchend blickte Koichi zu Duncan hinab, der die Augen geschlossen hielt und nur noch ein immer lauter werdendes Stöhnen über die Lippen brachte. Einzelne Schweißtropfen perlten von Koichis Körper und suchten sich ihre Pfade auf Duncans erhitzter Haut, verschmolzen mit den salzigen Perlen, die seinen Körper glänzen ließen.
Nach unendlichen Minuten bäumten sich ihre Körper ein letztes Mal auf, ein kurzer Schrei - Stille. Koichi zog die Decke über sie beide, legte seine Arme um den noch immer heißen Körper seines Geliebten und strahlte ihm entgegen.
"Ich liebe dich ... und ich geb dich nie wieder her ..."
"Ich dich auch nicht, Koi ... aishiteru ..."
Ein Lächeln in der Dunkelheit.
"Aishiteru ... tanjô-bi omedetô, koibito ..."
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