
Omedetou, Koi
Gähnend angelte Duncan nach seinem Handy und stellte den Piepton aus, der ihn geweckt hatte.
Mit einem schnellen Seitenblick registrierte er, dass Koichi weiterschlief und stand dann schnell und leise auf.
Während er seine Klamotten von der Wohnzimmercouch aufsammelte und anzog, ging er noch einmal seinen Tagesplan durch.
Es war jetzt 6 Uhr. Mit etwas Glück war er in einer Stunde wieder zurück und hatte das Frühstück vorbereitet.
Gut.
Normalerweise war Koichi nicht vor Acht aus den Federn zu bekommen.
Besser.
Also los.
Duncan schnappte sich den Autoschlüssel und seinen Geldbeutel und fuhr einkaufen.
Leise pfeifend packte er ein paar japanische Knabbersachen in seinen Einkaufswagen und ließ der Verkäuferin gut gelaunt etwas vom Restgeld als Trinkgeld liegen.
Beim Verlassen des Ladens wurde er von ein paar giggelnden Schulmädchen aus seinen Gedanken gerissen.
"Guten Morgen", grinste er und platzierte schwungvoll die Einkaufstüten auf dem Beifahrersitz seines Jeeps.
Die ganze Heimfahrt über summte er leise eine Melodie vor sich hin.
Zu Hause angekommen, warf er einen Blick ins Schlafzimmer. Alles wie gehabt, Koichi war noch in tiefsten Träumen.
Zeit genug, noch duschen zu gehen.
Unter dem warmen Wasser sang er leise ein paar Zeilen eines Liedes.
Das Wasser kochte, Duncan nahm den Wasserkocher und goss den Tee auf. Der Duft der frisch überbrühten Teeblätter breitete sich in der Küche aus.
Die Brötchen waren fertig aufgebacken.
Ein japanisches Frühstück wollte er sich verkneifen, dachte er grinsend und warf einen Blick auf die Sakeflasche auf dem Regal. Reis und Sake - das hatten sie früher immer "ihr gewohntes Musikerfrühstück" genannt.
Jetzt noch das Tablett mit den Brötchen, Messer, Aufstrich und die Teekanne. Ach, nicht zu vergessen die Tonschalen für den Tee.
Alles war da, alles war perfekt.
Duncan trug das Tablett zum Schlafzimmer und schaute hinein.
"Netteiru..." Na klar, Koichi hatte sich noch nicht einmal bewegt.
Leise lachend ging er weiter und schob die Tür zum Musikzimmer auf. Drinnen war es dank der Panoramafenster schon hell genug, um ohne Unfälle gehen zu können. Duncan stellte das Tablett auf dem Klavier ab und rückte ein paar der Instrumente zur Seite. Platz vor dem Fenster, um den Sonnenaufgang sehen zu können. Eine Decke auf dem Boden, mehr würde er nicht brauchen.
Summend drehte er die Heizung etwas höher - etwas Wärme konnte nicht schaden, schließlich war schon Herbst.
Einen Kerzenleuchter auf dem Klavier platzierend und die Kerzen anzündend, blickte er noch einmal auf seine Innen-Picknick-Decke.
Perfekt.
So, jetzt musste allerdings noch der Grund des ganzen Tamtams hier erscheinen.
Lächelnd rückte Duncan den Klavierhocker zurecht, versicherte sich noch einmal, dass alle Türen offen waren, dann senkte er die Hände auf die Tasten und atmete tief durch.
"Pi~ep!"
Nein! Das durfte doch nicht... Duncan fuhr vom Klavier auf, schoss über den Flur und grabbelte sein Handy aus der Jackentasche.
Es war verdammte 7 Uhr in der Frühe, was bitte wollte denn jetzt Nick von ihm?
Er klappte das Teil auf, flötete ein freundliches "Moshi moshi" und wartete.
"Äääh..."
"Ja, auch tschüss. Heute nicht, Kleiner." Duncan legte auf und schaltete das Handy aus.
Dann zurück zum Piano.
Duncan kramte die Melodie in seinem Kopf zusammen, dann glitten seine Finger zielsicher über die Tasten und spielten das Intro.
Das Knurren aus dem Schlafzimmer war laut genug, dass er es auch über die Töne des Klaviers hörte.
Grinsend setzte er kurz ab, dann begann er zu singen.
"Kuroi hane ga tobu
Omae wa...?
Ore no black angel
Dakishimete..."
"URUSAI!!!"
Ploff...
Duncan lachte leise. Ein Kissen war schwungvoll am Türrahmen des Schlafzimmers abgeprallt und noch ein paar Zentimeter über den Flur gerutscht.
"OKITE! Los, raus aus den Federn", brüllte er zurück, dann setzte er wieder an.
"Freez my love
Wakaranai
Omae no kesshin
Take me with you..."
PLOFF... Dieses Kissen war schon zielsicherer geflogen und hatte immerhin die Kurve gekriegt. Jetzt lag es zwischen Schlafzimmer und Klavierzimmer in der Mitte des Flurs.
"Na endlich", murmelte Duncan, "OHAYOU!"
"Hmpff..." Aus dem Schlafzimmer drangen eindeutig uneindeutige Laute. Stand er nun auf, oder...?
"Glaring dream
Arehodo tôi
Amari chikai-ni..."
Jetzt kam das kurze Zwischenspiel...
Schritte waren von draußen zu hören. Na also, war Koichi doch aufgestanden...
RUMPS
Erschrocken fuhr Duncan vom Klavier auf.
"K'so!" Koichis zerwuschelte Mähne erschien im Türrahmen. "Wer hat das Kissen dahin geworfen?"
Jetzt konnte sich Duncan nicht mehr halten. "Du warst das, Koi", ächzte er zwischen zwei Lachanfällen.
"Ach...so..."
Dem Japaner blieb der Mund offen stehen, als er sich im Zimmer umsah.
"Nani...?"
Duncan, der sich mittlerweile wieder beruhigt hatte, lächelte. "Na, was wird es wohl sein? Unser Frühstück."
Er zog seinen Geliebten ins Zimmer und schloss die Tür.
Dann legte er ihm von hinten die Arme um die Hüften.
"Omedetou... Koibito. Alles Gute zum Geburtstag", flüsterte er in dessen Ohr.
Koichi legte den Kopf an Duncans Schulter.
Eng umschlungen sahen sie nach draußen, wo eben die Sonne aufging.
Nach einem ausgiebigen Frühstück lagen die beiden nebeneinander auf der Decke und blickten nach draußen.
"Koi?"
"Hm..."
"Tut mir leid, dass ich kein Geschenk für dich habe." Duncan drehte den Kopf und blickte den Mann neben sich an.
"Hm..."
"Außer..." Er erhob sich.
Koichi setzte sich ebenfalls auf. "Was...?"
Duncan ging um das Klavier und setzte sich auf den Hocker. "Ich habe nur das hier für dich."
Die Töne des Pianos klangen durch den Raum, dann sang Duncan leise mit.
I feel like loosing you sometimes
Deep in the night when darkness embraces
like you were running away
to some distant place I cannot reach
Please don't say goodbye
Stay here by my side
You make me feel alive
I fear to fall too deep to survive
When you simply turn away
My cries echo only inside of me
Because I never said
Never say goodbye
I wish you would always
Stay by my side
Let me always remember your face
When you looked at me then
singing on that rainy evening
back there in our world
never turn away
I wish you would always
Be here with me
Forever...
Die letzten Töne verklangen und Duncan saß mit gesenktem Kopf am Piano.
~endless end~
DER ABEND VORHER
"Sag mal, wann wollen wir uns eigentlich morgen treffen?" Nick packte seine Gitarre in den Koffer und blickte zu Duncan hoch.
"Also..." Der Sänger kratzte sich nachdenklich mit der Flöte an der Wange. Irgendwas hatte er vergessen.
Definitiv.
"Ich weiß nicht... wie wär's mit um neun?"
"Okay." Nick nickte.
Gregg hob den Daumen. "Endlich mal ausschlafen. Ich dacht schon, du willst uns vor dem Aufstehen sehen."
"Willst du später?" Duncan schaute müde in die Runde.
Die Aufnahmen für die CD, das Mastering und die Proben für die anstehende Tour hatten ihn ganz schön geschlaucht.
Irgendwas hatte er vergessen...
"Lasst und losziehen, es ist mittlerweile um elf und ich wollte heute noch ins Bett", gähnte Terry und warf seine Drumsticks zielsicher in seine Tasche.
"Ja, wir sehen uns dann also morgen." Nick schwenkte seine Autoschlüssel. "Und Tschüss!"
"Irgendwas war noch..." Duncan stand grübelnd im Studio.
"Ach, haste was vergessen? Na Herzlichen Glückwunsch, Chef. Solltest dir n Kalender zulegen." Cornelius klopfte ihm auf die Schulter.
"WAS?! Was hast du gerade gesagt!?"
"Kalender...zulegen?"
"Nein", Duncan schüttelte den Kopf, "davor!"
"Äh..." Der Geiger blickte in lauter verwirrte Gesichter und zuckte die Schultern. "Herzlichen Glückwunsch?"
"KOI BRINGT MICH UM!"
Duncan schoss vorwärts, rannte Cornelius über den Haufen, griff nach seiner Jacke, brüllte den anderen im Rausrennen zu: "Wer mich morgen stört ist tot", und war weg.
"Äh... hat das jetzt irgendeiner verstanden?" Nick tauchte aus der Ecke wieder auf, in die Duncan ihn geschoben hatte.
Cornelius und Gregg blickten verständnislos.
Terry zuckte die Schultern und Ray kratzte sich am Kinn. "Keine Ahnung. Aber eigentlich macht Koichi auf mich immer den Eindruck als wolle er ständig jemanden töten - nur nicht Duncan."
"Was hast du noch mal gesagt", fragte Nick ganz langsam und blickte den Geiger an.
"Herzl...Ach du Scheiße, ich glaub, mir geht ein Licht auf."
"Mir auch. Und was machen wir jetzt?" Nick grinste schief. "Wollen wir ne Party organisieren? Nur Band und Familien?"
"Gute Idee, dann sagt ihr zu Hause Bescheid und ich regle alles", ließ sich Gregg vernehmen. "Gefeiert wird dann im Hinterzimmer des Pubs. Morgen Abend?"
"Ich sag Duncan Bescheid." Nick packte seinen Kram und verschwand.
Duncan war mittlerweile zu Hause angekommen. Krampfhaft grübelnd hatte er versucht, etwas zu finden, was er Koichi schenken könnte, doch ihm wollte nichts einfallen.
Na ja, waren ja noch ein paar Stunden.
Da Koichi schon schlief, küsste er ihn nur sanft auf die Stirn. Keine Reaktion.
Leise verließ Duncan das Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich und setzte sich ans Klavier.
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