Gomenasai, Koichi

„K’SO!“
Nick blickte von seiner Kaffeetasse auf und in die Richtung, aus der der Fluch gekommen war. „Das war ja mal ein kurzer Anfall. Bleibt nur die Frage: Warum?“
Cor zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, finden wir es raus!“ Gerade als er sich erheben wollte, öffnete sich die Tür zu Duncans Büro und der Sänger kam, ein paar Blätter in der Hand, auf den Rest seiner Truppe zugestapft.
„Jungs“, begann er und sein Tonfall klang nach Weltuntergang, „Ich hab ein Problem.“ Ehe sie sich gefasst hatten, hatte er schon die Tourpläne auf den Tisch geworfen, auf denen ein Datum rot markiert war.
„Das, Freunde, ist Koichis Geburtstag.“
Alle blickten erst das Papier und dann einander ratlos an und fassten stumm zusammen: Kein off-day – das wäre auch zu schön gewesen - und an ebendiesem Tag waren sie fast eintausend Meilen von Vancouver entfernt.
Duncan ließ sich auf das Sofa neben Nick fallen und nahm einen Schluck aus dessen Tasse. „Vorschläge willkommen... Ich will nichts einrühren, was ihr oder die Fans dann ausbaden müsst.“ Er verstummte und der Runde rauchten die Köpfe. Alle wussten, dass Duncan Koichi nicht allein lassen würde an solch einem Tag, aber die Tour stand seit letztem Jahr fest. Es gab scheinbar keinen Ausweg.

Ray warf einen Blick auf den Kalender, der hinter ihnen an der Wand hing. 10. September. Noch vier Wochen. „Umlegen?“, murmelte er schließlich und warf dem Sänger einen zweifelnden Blick zu. Er glaubte selbst nicht so recht, dass in so kurzer Zeit… außerdem wusste er, welcher Kampf in Duncan tobte: Sein Geliebter gegen die Fans. Klares Unentschieden.
Der Sänger antwortete nicht.
Cornelius nickte. „Umlegen ist die einzige Möglichkeit. Obwohl… das bringt uns immer noch nicht näher an zu Hause. Mist!“
Jetzt zuckte Duncan immerhin die Schultern. „Ja, DAS hab ich auch gerade gesagt.“
„Legen wir halt Koichis Geburtstag um“, murmelte Terry, bekam aber einen Rippenstoß von Ray.
„Reiß dich zusammen!“
Nur Gregg hatte sich den nächsten Stift und das Blatt geschnappt und war in dumpfes Grübeln versunken. Schließlich leuchtete sein Gesicht auf.
„Ich bin für beide Vorschläge“, grinste er und hob den Zettel hoch, damit alle das Ergebnis seiner Gedankengänge sehen konnten.

~

„Tut mir leid, dass ich an deinem Geburtstag nicht da bin…“ Duncan lächelte bedrückt.
Koichi, der, an seine Schulter gelehnt, mit ihm auf dem Sofa lag, schüttelte leicht den Kopf. „Ich weiß, dass du alles versucht hast – du musst mir nichts erklären. Es ist in Ordnung.“ Einen Moment lang zog ein Schatten über sein Gesicht, dann hatte er sich wieder im Griff. „Feiern wir eben, wenn du wieder da bist.“
Duncan schloss die Augen und verbiss sich ein Grinsen. Mit einem so leichten Sieg hatte er nicht gerechnet. Trotzdem konnte er sich einen ironischen Seitenhieb nicht verkneifen: „Solange du nicht mit Lea feierst, wie an ihrem Geburtstag.“
Dann traf ihn ein Ellenbogen ziemlich knapp neben seinem…! Er schrie auf. „Das war ein Scherz, Koichi! Jetzt nimm nicht alles gleich so ernst! Außerdem solltest du besser zielen – wenn du in Zukunft der einzige Mann hier sein willst!“
Der Japaner drehte sich zu ihm um und in seinen Augen lag kein Lächeln. „Ich dachte, du wüsstest, dass das nicht noch einmal vorkommt – also mach bitte auch keine Witze darüber.“
Koichi hatte ein paar Tage zuvor versucht, Duncans Nichte an ihrem Geburtstag zu verführen. Das hätte wahrscheinlich auch geklappt, doch der Sänger war eher nach Hause gekommen und mitten in die Szene geplatzt. Obwohl beide versuchten, es zu verheimlichen, Duncan hatte kombiniert, was passiert sein musste und trotz allem gute Miene zum bösen Spiel gemacht.
Manchmal fragte sich der Japaner, was passieren musste, um seinen Freund aus der Ruhe zu bringen. Doch andererseits – dieser Blick von Duncan, nachdem Lea buchstäblich geflohen und er ins Schlafzimmer gekommen war – Koi fühlte noch immer diese Augen auf sich ruhen und eine Gänsehaut zog sich unwillkürlich über seinen ganzen Körper.
Nein. Nie wieder.
Und wenn das hieß, dass er seinen Geburtstag allein verbringen würde, dann war es das allemal wert. Außerdem wusste er, dass Duncan zumindest in Gedanken bei ihm war – und er hatte versprochen, wenn er schon ständig Tourberichte schrieb, dann würde er auch genug Zeit haben, um über den Laptop mit Koichi zu reden.

~

"Mata ne..."
‚Bis dann’ hatte Koichi gesagt. Nicht Sayonara - Bis dann. So als wäre Duncan nicht vier Wochen weg sondern nur ein paar Stunden.
Obwohl, so abwegig war das gar nicht. Mit einem Lächeln überflog Duncan den Tourplan, den Gregg neu geschrieben hatte und mit dem sie alle zufrieden waren. Er lehnte sich in seiner Bank zurück und checkte die Daten noch einmal durch.
Zwei freie Tage hatte die Band in ihrem Plan und die lagen jetzt genau hintereinander: am 16. und am 17. Und danach war es von Vancouver aus ein Katzensprung bis zum nächsten Auftrittsort. Es war eine Heidenarbeit gewesen, die Konzerte umzulegen, aber der Veranstalter hatte mitgespielt.
„Es tut mir leid, dass ich euch solche Scherereien mache“, murmelte Duncan und das war genau der Satz, der durch den Jubelschrei in ihm hindurch klang. Er mochte es nicht, einfach so etwas zu ändern, denn die Fans… die Fans...
„Jetzt is aber gut! Klappe, Meister oder Dresche!“ Nick sah von seinem Handy auf. „Weißte, du hast so viel für uns gemacht, dann darfste auch mal was abbekommen.“
„Was hab ich schon gemacht?“ Duncan zuckte die Schultern und hatte mit einem Mal Nicks Faust unter der Nase.
„Das sagst du noch mal! Du hast die Band gerettet, du hast sogar dafür gesorgt, dass wir in Japan Alben verkaufen. Aber nicht nur das: Du hast büchstäblich bis zum Umfallen für den Erfolg der Band gearbeitet! Wolltest du also noch irgendwas erwidern?“
„Zufall“, murmelte der Sänger und schob Nicks Faust zur Seite. „Trotzdem, ich muss dir nicht erklären, dass die Fans… ach egal. Du kennst den Satz.“
„Ja, rückwärts. Nachts um drei im Halbschlaf, Duncan. Und wenn du den noch einmal sagst im Zusammenhang mit Koichis Geburtstag, trittst du auf dem nächsten Konzert im Gipsanzug auf“, knurrte der Gitarrist. Dann ließ er sein Handy sinken und beugte sich über den Tisch, der die beiden trennte.
„Du kannst nicht immer nur geben, du musst auch mal was annehmen. Und wenn wir uns gemeinsam entschieden haben, dass wir die freien Tage zusammenlegen, dann ist das unser Geschenk an dich für die Jahre, in denen du dich für uns verausgabt hast.“
Nick legte sein Spielzeug endgültig weg und fasste nach Duncans Schulter. „Ein verdammt lausiges Geschenk übrigens, wenn ich das anmerken darf.“
„Und das von dir“, stöhnte Duncan leise auf.
„Warum? Weil ich sonst immer nur dumme Kommentare gebe? Hunter-san, ich hab meinen Kopf nich' nur, damit das Kopftuch nich' im Leeren flattert. Im Gegenteil. Oder ist es, weil ich der Jüngste bin? Aber auch ich sehe, wenn jemand arbeitet wie ein Tier, um andere glücklich zu machen. Und DAS machst du seit mehr als zwei Jahren für uns.“
Er verschränkte die Arme und ignorierte geflissentlich die Blicke, die die anderen ihm zuwarfen. Natürlich hatten alle Anwesenden – also ALLE – diesen Monolog mitbekommen und besonders die Jugendlichen der Vorband saßen stumm auf ihren Plätzen und versuchten, das eben Gehörte zu verarbeiten.
„Tja… Was willst du dazu noch sagen?“ Es war Ray, der sein Buch zuklappte. „Er hat Recht. Und wenn ich einmal erleben darf, dass du das einzige Geschenk annimmst, das wir dir machen können, dann gebe ich alle freien Tage meines Lebens dafür her.“
Duncan nickte mit geschlossenen Augen und sie alle bemühen sich, die Träne zu ignorieren, die über sein Gesicht lief.

~

„Tanjou-bi omedetou, Koi…“ Mehr hatte er nicht schreiben können.
Danach war Duncan geschlagene zehn Minuten nicht mehr an den Laptop gekommen. Seine Bandkollegen hatten das Gerät übernommen, um Koichi zum Geburtstag zu gratulieren. Und während sie sich über den Messenger in Beileidsbezeugungen geradezu übertrafen, lachten sie sich hier im Bus scheckig. Noch zwei Tage und Koi würde sein blaues Wunder erleben.
„GUT JETZT!“ Der Sänger kämpfte sich den Weg zu seinem Rechner frei. „Das gibt’s doch nicht! Kommt halt mit, als Handgepäck, wenn ihr ihn so vermisst!“
„Warum eigentlich nicht?“ Terry griente.
„Na ja. Wenn du erträgst, was dann nachts auf dich zukommt… bitte“, war Duncans lakonische Antwort und der Drummer wurde blass.
„Okay – ich überleg mir das besser noch mal. Und übrigens: So genau wollt ich es gar nicht wissen!“
„Selbst schuld. Und jetzt verpfeift euch und lasst mich in Ruhe meinen Spaß haben!“

„Er zeigt es nicht, aber ich denke, er freut sich wie ein kleines Kind.“ Gregg und Cor hatten sich auf ihre Betten verzogen, wo sie, ungehört von ihrem Freund, reden konnten.
„Japp. Tut er, das kannst du mir glauben. Nur – du kennst ihn – er gibt es nicht gern zu.“ Der Geiger lehnte den Kopf an die Wand seiner Koje und blickte Gregg an. „Ich will nicht wissen, was in Japan alles passiert ist, von dem er uns nichts erzählt hat. Damals, bevor er wegging, war er ein völlig anderer Mensch.“
Der Bassist seufzte. „Wie wahr. Aber hast du eigentlich bemerkt, dass er, seit Koichi da ist, wieder lacht? Und zwar ehrlich lacht – nicht nur, weil es gerade sein muss.“
„Genau darum freut es mich so, dass alle zugestimmt haben, die Tour so kurzfristig umzubauen. Ich gönne ihm jede Minute mit seinem…“ Cor hatte sich noch immer nicht dazu durchringen können, das Wort „Geliebter“ zu sagen.
„Ehemann?“
Beide Musiker brachen in Gelächter aus.
„Oh Mann, lass das nicht Duncan hören – und vor allem: Sag das nicht noch mal, sonst krieg ich Bilder in den Kopf, die ich NICHT sehen möchte!“
Gregg schielte aus den Augenwinkeln zu Cor hinüber. „Ach komm, gib es zu – du hast schon öfter nachgedacht, wie die beiden…“
„GREGG!“
„Was?“
„…“
„WAS?“
„Vergisses.“ Cornelius warf sein Kissen nach gegenüber und verfehlte den Bassisten knapp. „Ich muss nicht drüber nachdenken – ich hab einmal knapp die Kurve gekriegt! Damals in Japan, weißt du noch? Der letzte Tag?“
„Nee, oder?“
„Und ob! Eigentlich wollte ich fragen, ob Koi schon wieder fit genug ist, dass wir los können, aber ich hab mir den denkbar ungünstigsten Moment ausgesucht, in ihr Zimmer zu kommen, das kannst du mir glauben.“
„Details, liebster Freund!“
„Ich sagte: vergiss es!“
„Los schon!“ Gregg sprang aus seiner Koje und lehnte sich über den Geiger. „Erzähl – oder ich probier aus, was da gewesen sein könnte“, drohte er ihm.
„Du bist bescheuert! Ich sag doch, ich hab nichts gesehen… Aber eins kann ich dir sagen: Wenn Koichi „fuck me“ stöhnt, dann musst du nicht mehr drüber nachdenken, wer hier wen…!?“
Stille.
Dann zuckte es in Greggs Gesicht. „Ehefrau, Cor. Es heißt: Ehefrau!“

~

„Los, verschwinde endlich! Ich werde deine Flöte schon nicht verbiegen!“ Das konnte nur von Nick kommen. Trotzdem war Duncan unruhig. Er war es eben gewöhnt, mit abzubauen.
„Haust du jetzt ab!“
„Ich geh ja schon…“ Der Sänger packte seine beiden Taschen – eine mit Wäsche und die andere, die ihm die Kollegen in die Hand gedrückt hatten – in den Kofferraum des Mietautos und umarmte die anderen noch einmal.
„Pass auf, dass du keinen Unfall baust, Duncan“, murmelte Cor an seinem Ohr. „Wir wollen dich wohlbehalten in zwei Tagen wiederhaben, hörst du?“
Ein kurzes Ziehen an seinem Nacken ließ den Sänger die Luft einziehen. „AUTSCH… was sollte das denn jetzt?“
Cor hielt seine Trophäe, ein fast meterlanges Haar Duncans, vor dessen Nase. „Talisman. Sonst fehlst du uns zu sehr. Und jetzt verschwinde!“

Fünf Uhr früh. Duncan grinste dankbar die Kaffeedosen an, die Nick ihm eingepackt hatte und die nun alle leer vor dem Beifahrersitz lagen. Dann blickte er auf die dunklen Fenster seines Hauses. In Rekordzeit angekommen. Und unfallfrei, wie befohlen.
Trotz des Koffeins machte sich Müdigkeit bemerkbar – das Adrenalin vom Auftritt war schon lange aus seinem Blut. Er griff sich die Taschen und betrat leise den Flur.
Ohne Licht zu machen, ging er so leise wie möglich ins Wohnzimmer. Glück gehabt – Koichi hatte es wohl in dieser Nacht vorgezogen, im Bett zu schlafen statt auf der Couch. Das war seine Chance.
Duncan stellte sein Gepäck ab und den Wecker seines Handys auf um acht. Das musste reichen, um fit genug zu sein für den Tag und trotzdem eher wach als Koi.
Dann ließ er sich auf die Couch sinken und zog die Decke über sich, die nach seinem Geliebten roch.

Das Handy an seinem Ohr piepste und er hob die Hand, um es auszuschalten, doch da hörte der Weckton auf. Verwundert öffnete der Sänger die Augen. Vor ihm auf dem Boden saß Koichi, das Telefon in der Hand.
„Wie lange… wie lange sitzt du schon hier?“
„Seit du da bist, Duncan. Du warst so schnell eingeschlafen, ich konnte dich noch nicht einmal begrüßen“, flüsterte der Japaner und strich ihm über die Wange.
„Entschuldige bitte. Ich hab dich wirklich nicht mehr mitbekommen… und damit ist meine Überraschung hin“, seufzte der Sänger und zog Koi an sich.
„Nein, das stimmt nicht. Dich schlafen zu sehen war schon Geschenk genug“, hörte er an seinem Ohr die geliebte, vermisste Stimme. Dann löste er sich von dem Japaner.
„Und nachträglich noch einmal alles Gute zum Zweiundzwanzigsten. Von allen. Nur - dein Geburtstagsgeschenk muss jetzt allerdings erst mal duschen.“
Koi rutschte zur Seite und schaute Mitleid heischend zu ihm auf. „Darf ich nicht mitkommen?“
„Heute nicht, Engel. Stattdessen kannst du aber mal die Präsente von den Jungs auspacken.“ Duncan deutete auf die größere der beiden Taschen, die neben der Couch standen.
„Für mich?“
Duncan konnte gerade noch Kois begeistertes Gesicht sehen, bevor er mit einem „Nein, für den Mann im Mond“ im Bad verschwand.
Nach einer halben Stunde war er wieder da, nur ein Handtuch um die Hüften und ein zweites in der Hand, mit dem er sich gerade die Haare trocknete.
„Und?“
Koichi hatte es sich auf der Couch bequem gemacht und blickte ihn über die Lehne hinweg an. „Nichts und. Ich wollte warten, bis du wieder da bist.“
„Bist du krank?“ Duncan warf das Haar-Handtuch auf den Boden und band sich die Haare zusammen.
„Nein, aber ich wollte mit dir zusammen auspacken. Oder besser… erstmal DICH!“ Koichi griff nach dem zweiten Tuch, das noch immer um Duncans Hüfte geschlungen war und warf es auf das erste. „Wie lange hab ich dich eigentlich?“
„Für immer, Koichi“, flüsterte der Sänger an seinem Ohr. Koichi schloss die Augen und genoss das Gefühl, als Duncans Hand sich zwischen seine Beine verirrte…