Give me peace, mother

Koichis Sicht

Ein Klingeln an der Tür lässt mich aufschauen. Wer sollte uns jetzt besuchen wollen?
Ich erhebe mich von der Couch, tappe in den Flur und öffne die Tür.
"Hey, Koichi!", lächelt mir Lea entgegen, umarmt mich zur Begrüßung. "Hallo Lea-chan", entgegne ich und erwidere ihre Umarmung.
"Ist Duncan da? Ich wollte ihn was fragen", will sie wissen, während sie brav ihre Schuhe auszieht, anschließend ihre Jacke an die Garderobe hängt.
"Nein, er probt mit den anderen. Er sagte, er ist heute Abend wieder da."
"Dann warte ich, wenn du nichts dagegen hast!" - "Natürlich nicht, magst du einen Tee?"
Wie immer nickt Duncans Nichte und ich setze mich in Bewegung, um in der Küche Wasser für zwei Tassen Tee aufzusetzen.
Als ich ins Wohnzimmer gehe, hat sie es sich schon auf dem Sofa gemütlich gemacht und studiert die Loseblattsammlung auf dem Tisch.
"Sind das neue Texte?"
"Hmm, ein wenig", setze ich an, doch sie unterbricht mich aufgeregt: "Wow, die sind von dir?!" Sie deutet auf ein Blatt, das mit meinen Namenskanji unterschrieben ist. Nur ein Nicken. "Ich versuche es."
"Das ist wunderbar, Koichi!", ruft sie und durchforstet weiter die verstreut herumliegenden, mal bekritzelten, mal halbwegs lesbar beschriebenen Zettel. "Lies ruhig, wenn du möchtest." Damit bin ich schon lächelnd in der Küche verschwunden, um den Tee aufzugießen.
Ich mag Lea wirklich sehr. Ihre fröhliche, ehrliche Art, ihre Stärke und dass sie nicht aufgibt, bevor sie ihr Ziel erreicht hat. Sie hat mich seit unserer ersten Begegnung gefangen genommen, so sehr, dass ich mich zweimal sogar nicht zurückhalten konnte. Ich seufze leise, als mir die beiden Abende einfallen und dann noch einmal, als ich mir Duncans Worte, sein trauriges, wütendes und doch leeres Gesicht in Erinnerung rufe. Das ist jetzt ein halbes Jahr her. Seit diesem Tag habe ich Lea natürlich nicht weniger gern - im Gegenteil, sie wächst mir immer mehr ans Herz und es ist fast schon selbstverständlich geworden, dass sie oft bei Duncan und mir ist - doch ich bemühe mich, ihr ein guter Freund, ein guter Beschützer zu sein. Außerdem hat sie viel von meinem Engel, was sie wohl in meinen Augen nur noch sympathischer macht.
Als ich mit dem Tee in der Hand ins Wohnzimmer zurückkehre, hat sich die Kleine gerade über ein vollgeschriebenes Blatt gebeugt und studiert es intensiv. Sie schreckt auf, als ich die Tasse neben ihr abstelle, schenkt mir dann aber ein sanftes Lächeln.
"Du hast dich auf Englisch versucht", stellt sie fest, nippt dann an ihrem Tee.
"Ja, versucht ... es ist nicht gut. Es ist schwer für mich", antworte ich und lasse mich neben ihr nieder. Ja, es ist immer noch schwer für mich, mich richtig auf English auszudrücken. Duncan und vor allem ich haben Lea viele japanische Vokabeln beigebracht und seit jeher unterhalten wir uns in einem wilden Mix aus Japanisch und Englisch, weswegen uns Leas Mutter schon öfters schräg von der Seite angeschaut hat, Duncans Bruder - Nick - allerdings hat immer nur gelacht und uns machen lassen. "Solange sie den Kauderwelsch verstehen, den sie da von sich geben!", hat er gesagt und Leas Mutter einen Arm um die Schulter gelegt.
Aber von gut Englisch sprechen oder geschweige denn halbwegs gut englische Songtexte zu schreiben, bin ich meilenweit entfernt. Deswegen ist der ganze Text, den Lea gerade in der Hand hält, durchzogen von japanischen Zeichen an den Stellen, wo mir die englischen Worte nicht einfallen wollten.
"Ich könnte dir helfen", grinst sie mich plötzlich an und hält mir meinen Text unter die Nase. "Es wäre doch schade, wenn so etwas Gutes niemals perfekt werden würde!"
Ich kann nicht anders, ich muss sie umarmen und an mich drücken. Wie schafft sie es nur immer, genau das zu erraten, was ich denke? Das hat sie wirklich mit Duncan gemeinsam.
"Danke, das würde mich sehr freuen", erwidere ich nur, als ich sie wieder aus meiner Umarmung, die sie sofort erwidert hat, entlasse.
Sofort empfängt mich erneut ihr Grinsen, sie zwinkert mir zu und hebt den Daumen. "Yosh!"



Leas Sicht

"Nein, warte, Koichi, nicht so!", lache ich, während mein japanischer Engel verzweifelt versucht, das Wort "deliverance" zu schreiben. Wir haben schon drei Texte in einen annehmbaren Zustand gebracht und ich bin überzeugt, dass Koichi eine Menge Talent hat, auch wenn ihm ab und an die englischen Worte ausgehen. Ob er wohl früher auch für Insane getextet hat?
Während ich ihm den Stift aus der Hand nehme, um ihm endlich die erhoffte Erlösung zu verschaffen, frage ich ihn einfach.
"Nein, nicht wirklich ... Duncan hat sehr viel getextet und Saith, unser Sänger. Ab und an auch mal unser Gitarrist, Ansgar. Aber ich hab nur für mich selbst geschrieben", gibt er zurück, vertieft sich daraufhin aber sofort wieder in die nächsten Zeilen des Textes, den wir gerade bearbeiten. Mittlerweile dürften seit meiner Ankunft am Nachmittag gut und gerne fünf Stunden vergangen sein. Ob Duncan bald nach Hause kommt? Es kommt schließlich oft vor, dass Some Infinity bis in die Nacht hinein proben ... und dann säße ich hier völlig umsonst. Halt, nein, nicht ganz umsonst. Schließlich helfe ich gerade Koichi bei seinen ersten englischen Gehversuchen - und bisher wirklich alles andere als schlecht.
"Lea, träumst du?", reißt er mich plötzlich aus den Gedanken, sein Gesicht dazu ist wirklich einfach nur niedlich. Dieser fragende, leicht verwirrte Blick aus seinen grünen Augen und wie er den Kopf schief legt ...
Ich tippe ihm auf die Stirn und kann ein breites Grinsen nicht verhindern. "Quatsch, wo denkst du hin? Lass uns weitermachen und zusehen, dass wir deine Träume hier verwirklicht kriegen!"
Dieses kleine glückliche Lächeln auf seinen Lippen, bevor er nickt und mir das Blatt, auf dem er bis eben herumgeschrieben hat, reicht ... ich hätte es ewig anschauen können.

Eine weitere Stunde später - wir sind schon bei der gefühlten tausendsten Tasse Tee und in eine japanisch-englische Diskussion über eine Übersetzung vertieft - klingelt plötzlich das Telefon. Zuerst bemerken wir es beide nicht, doch dann horcht Koichi auf, erhebt sich mit einem entschuldigenden Lächeln und verschwindet im Flur.
"Moshimoshi?", meldet er sich, ich lache leise. Das wird er wohl auch in Kanada nicht ablegen. Ich vertiefe mich also wieder in die Textstelle, an der wir gerade gefeilt haben und überlege mir einen neuen Ansatz.



Koichis Sicht

"Moshimoshi?", sage ich, während ich das Telefon ans Ohr hebe.
"Koichi, bist du das?", fragt eine mir unbekannte, weibliche Stimme.
"Und Sie sind?"
"Erkennst du nach all den Jahren etwa nicht einmal mehr deine eigene Mutter?!"
Mir rutscht fast das Telefon aus der Hand. Mit weit aufgerissenen Augen starre ich die Wand mir gegenüber an, ich merke gar nicht wirklich, dass ich mich auf den Boden gleiten lasse, weil meine Beine einfach nachgeben. Mit zitternder Stimme flüstere ich nur noch ein "Kaa-san ...?", mehr bringe ich nicht heraus. Meine Kehle ist wie zugeschnürt.
"Genau. Es hat ganz schön gedauert, bis ich endlich herausgefunden habe, wo du bist. Du bist also tatsächlich zurückgekommen! Hast du es endlich eingesehen, dass du besser nicht weggelaufen wärst, damals? Du weißt genauso gut wie ich, dass du nicht geheilt bist. Es wird Zeit, dass ich dich zurückbringe und du endlich von dieser Krankheit befreit wirst!"
Nein ...
Ich weiß nicht einmal, ob ich das sage oder nur denke. Ich fühle mich, als würde ich ohnmächtig werden. Schwarze Schlieren wabern vor meinen Augen, ich höre nur noch von weit her die Stimme der Frau, die meine Mutter ist. Kraftlos lasse ich das Telefon sinken, weiß nicht einmal mehr, ob ich noch atme, ob ich sitze oder liege. Alles ist leer und doch krampft sich mein Innerstes zusammen, sodass ich leise aufkeuche. Doch keuche ich wirklich auf? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr. Nichts ist mehr weiß ... alles versinkt in Schwärze.
Sie hat mich eingeholt.



Leas Sicht

Es ist still. Verdächtig still. Erst eine halbe Stunde später bemerke ich, dass Koichi immer noch nicht da ist, doch ich kann ihn nicht im Flur reden hören. Ob er vielleicht ins Schlafzimmer gegangen ist, um ungestört telefonieren zu können? Aber eigentlich ist das doch gar nicht seine Art. Koichi hat noch nie lange telefoniert, schon allein, weil er irgendwann Probleme bekommt, sich auszudrücken oder den anderen zu verstehen. Und wenn jemand aus Japan angerufen hat? - Unwahrscheinlich. Oder Duncan? - Dann hätte er es mir gesagt und mir das Telefon gegeben, weil ich ihn schließlich etwas fragen will. Koichi vergisst so etwas nicht.
Nach weiteren zehn Minuten, die ich in Stille und unter Konzentrationsmangel zugebracht habe, erhebe ich mich und steuere den Flur an.
"Koichi?", frage ich leise. "Telefonierst du noch?"
Ich trete durch die Tür, schaue mich um.
Diesen Anblick werde ich wohl nie wieder vergessen. Mit einem halbunterdrückten Aufschrei stürme ich auf Koichi zu, der weiß wie eine Kalkwand am Boden sitzt und völlig apathisch die Wand anstarrt, das Telefon noch immer in der Hand, die aufs Parkett gesunken ist.
"Koichi? Koi? Hey, was ist denn passiert?" Er reagiert überhaupt nicht auf mich, seine weit geöffneten Augen sehen einfach durch mich hindurch, als ich mich vor ihm in die Knie sinken lasse und ihn vorsichtig an der Wange berühre. So hab ich ihn noch nie gesehen - und er macht mir gerade Angst. Schreckliche Angst.
"Hey, Koichi?", versuche ich es weiter, rüttle ihn leicht an der Schulter, streiche ihm immer wieder seine langen schwarzen Haare aus dem Gesicht, um seine Wange zu berühren.
"Kaa-san ...", stielt sich plötzlich tonlos dieses eine Wort über seine Lippen, seine Stimme zittert und klingt so ganz anders, als ich sie kenne. Mutter?
Endlich erfasst mich sein flackernder Blick und von einer Sekunde auf die andere lässt er das Telefon fallen, schlägt die Hände vors Gesicht und fängt unbändig an zu weinen. Sein ganzer Körper zittert so stark, er zieht die Beine an und rollt sich zusammen, igelt sich völlig in sich ein.
Ich traue mich nicht, ihn zu berühren - so habe ich ihn wirklich noch nie erlebt, so vollkommen aufgelöst und haltlos zitternd und schluchzend. Trotz allem strecke ich meine Hand nach ihm aus, fasse sanft nach seiner bebenden Schulter und streiche darüber.
"Sshh, ganz ruhig, es wird alles wieder gut", höre ich mich sagen, doch etwas Besseres fällt mir beim besten Willen nicht ein. Wie soll ich mich nur verhalten? Bisher hat sich Koichi mir nur von seiner liebevollen, manchmal auch von seiner unnahbaren oder verärgerten Seite gezeigt, doch niemals habe ich ihn verzweifelt oder weinend gesehen. Er ist doch bisher immer derjenige gewesen, der Duncan beigestanden hat, der auch mir beigestanden und Mut gemacht hat, wenn ich strauchelte oder als er mich verletzt im Park gefunden hat. Anschließend hat er noch besser auf mich aufgepasst. Und nun?
Ich lege behutsam meine Arme um ihn, versuche ihn irgendwie festzuhalten und zu beruhigen, doch ich bin viel zu unsicher und aufgewühlt, als dass das klappen würde. Immer wieder murmelt er ein paar japanische Worte, doch immer so leise, dass ich nichts verstehen kann. Ohnehin ist mein Japanisch nicht so gut, dass ich ihn wirklich verstanden hätte.
Als er sich auch nach ein paar Minuten nicht beruhigt hat, habe ich nur noch einen Gedanken: Ich muss Duncan anrufen! Nur er kann hier noch helfen.
Schnell habe ich das Telefon aufgehoben, wähle mit fliegenden Fingern seine Nummer, während ich mich erhebe und dem monotonen Tuten lausche. Nervös gehe ich im Flur auf und ab.
Endlich hebt er ab!
"Duncan!", platzt es aus mir heraus, noch bevor er etwas sagen kann. "Prinzessin?" Seine Stimme klingt verwirrt, aber alarmiert. "Se-seid ihr noch bei den Proben? Du musst nach Hause kommen ... Koichi, er ist ... es ... es geht ihm nicht gut."
Ich kann direkt vor mir sehen, wie er sich kerzengerade aufrichtet und sich nervös durch die Haare fährt. "Was ist passiert?"
"Ich ... ich weiß es nicht", gebe ich ehrlich zu. Im Augenwinkel sehe ich, wie sich mein japanischer Engel langsam aufrappelt. "Er ist ans Telefon gegangen, ich weiß nicht, wer dran war und was los war. Aber als ich nach ihm gesehen hab, saß er kreidebleich im Flur und jetzt weint er und ich verstehe nicht, was er sagt und vorhin hat er nur ‚kaa-san' gemurmelt, aber ich weiß nicht, was ich machen soll, ich kann ihn nicht beruhigen und ..." - "Ist ja gut, Prinzessin", unterbricht mein Onkel meinen verzweifelten Redefluss, ich merke, dass mir Tränen in die Augen gestiegen sind. Ich höre, wie Koichi sich auf wackligen Beinen erhebt, doch bevor ich mich auch nur ganz zu ihm umwenden kann, ist er im Bad verschwunden und hat vernehmlich die Tür hinter sich geschlossen.
"‚Mutter' hat er gesagt?", höre ich gerade Duncan fragen, ich nicke, dann merke ich jedoch, dass er das schlecht sehen kann und schiebe schnell ein "Ja" hinterher. "Und jetzt ... ist er im Bad verschwunden", füge ich leiser an, stehe schon vor der Tür und lausche. Nichts. Nur kurz ein leises Rumoren. Dann wieder nichts.
"Pass auf ihn auf, Prinzessin, ich bin gleich bei euch."
"In Ordnung", gebe ich zurück und lege auf. Seine letzten Worte hat er betont ruhig gesprochen, er will mich beruhigen und dafür danke ich ihm, doch nichts desto trotz mache ich mir Sorgen um Koichi. Was nun? Ob ich einfach hineingehen und nach ihm schauen soll? Was macht er?
Vorsichtig klopfe ich an, drücke die Klinke herunter. "Koichi? Kann ich reinkommen?"
Sofort ertönt von drinnen ein lautes "NEIN!", das mich zusammenfahren und die Klinke loslassen lässt. Auch wenn seine Stimme brüchig ist, das hat gesessen und ich trete einen Schritt zurück. Unruhig gehe ich im Flur auf und ab, lausche immer wieder auf Geräusche im Bad oder Schritte vor der Tür. Nichts. Alles bleibt stumm.



Koichis Sicht

Es tut mir Leid, Lea, aber ich kann nicht. Noch immer krampft sich alles in mir zusammen und stetig tropfen Tränen auf meine Hände, mit denen ich die kleine weiße Dose umklammert halte. Ich starre sie an, als hätte ich in ihr einen Geist gefangen, der mir Angst macht und mir gleichzeitig Erlösung verspricht.
Doch ist es nicht so? So war es immer.
Ich sehe, wie meine Hände zittern. Ich darf nicht, nein, ich darf das nicht. Doch hat sie es gedurft? Von einer Sekunde auf die andere ist meine heile Welt, die ich mir in den letzten Monaten aufgebaut habe, vollkommen aus den Fugen geraten. Und das nur mit einem einzigen Wort: Mutter. Ich habe geglaubt, niemals wieder in meinem Leben ihre Stimme zu hören, niemals wieder mich ihr stellen zu müssen - wie konnte ich so naiv sein? Sie hat mich gefunden. Nach all den Jahren in Japan und den letzten Monaten in Kanada hat sie mich gefunden und zurückgerissen - zurück in die Vergangenheit, in der alles begonnen hat. In der ich zu Cain geworden bin.
Duncan hat mich von Cain befreit mit seiner Liebe und Güte, mit seiner Geduld und seinen klaren, manchmal harten Worten. Und damit, dass er einfach immer da gewesen ist, wann immer ich ihn gebraucht habe. Und nun hat sie ihn, Cain, wieder zurückgeholt, nur mit einem Wort, nur mit einem einzigen Wort: Mutter. All die Erinnerungen, die ich tief vergraben habe, um ein normales Leben führen zu können, sind mit einem Schlag frei und toben durch meinen Körper, reißen an meinen Nerven und durchbohren mein Herz und meine Gedanken.
Immer stärker wird mein Zittern, immer größer das Verlangen, alles einfach zu betäuben, alles einfach wie früher mit ein paar kleinen weißen Helfern hinter mir zu lassen und mich der Dunkelheit und der Taubheit hinzugeben. Ich halte das nicht aus. Nicht noch einmal. Nicht jetzt. Jetzt, wo doch alles so glücklich scheint.
In einem Akt der Verzweiflung werfe ich die Dose von mir, sie schlägt hart an der Wand und dann auf dem Boden auf, wo sie aufplatzt und ihren Inhalt über die kalten Fliesen verteilt. Überall rollen kleine weiße Pillen herum, doch ich kauere mich zusammen und verberge mein Gesicht in meinen Armen, die ich um meine Beine geschlungen habe. Ich kann das nicht mehr, ich schaffe es nicht ein drittes Mal, mich all dem zu stellen. Ich habe keine Kraft dafür. Ich habe ja nicht einmal mehr die Kraft, meine Tränen zurückzuhalten.
"Koi?!", reißt mich plötzlich die Stimme meines Engels aus meinen Gedanken. Sie klingt fest und doch höre ich genau das Zittern aus ihr heraus. Ich kann nichts sagen, kein Ton will über meine Lippen dringen. Ich kann mich nicht einmal erheben.
Ich höre Lea, wie sie ihm aufgelöst erklärt, ich habe mich vor einer halben Stunde ins Bad geflüchtet und würde sie nicht reinlassen. Und es sei die ganze Zeit schon so still und sie mache sich solche Sorgen.
Sie tut mir so Leid, doch ich kann nichts erwidern, kann nicht einmal daran denken, dass ich ihr mit meinem Verhalten wehgetan haben könnte. Zu sehr schmerzt alles in mir, zu viele Tränen verschleiern meinen Blick.
Nach einem kurzen Wort von Duncan, geht langsam die Tür auf und mein Engel steht im Türrahmen. Ich sehe auf, bemerke sofort den besorgten, ja fast ängstlichen Ausdruck in seinem Gesicht. Bestimmt bin ich ein jämmerlicher Anblick, wie ich mit rotgeweinten Augen, bleich und zitternd in einem Meer aus kleinen Vergessenmachern auf dem Fliesenboden sitze und zu ihm hoch schaue.
"Koi ..." In seiner Stimme liegt so viel Erleichterung, dass ich mir wohl nichts angetan habe und gleichzeitig so viel Sorge um das, was passiert ist. In diesem Moment fällt alles von mir ab, ich stehe wie hochgezogen auf und laufe auf ihn zu, falle einfach in seine Arme und vergrabe das Gesicht an seiner Brust. Würde er mich jetzt nicht festhalten, wäre ich wahrscheinlich einfach auf den Boden zurückgesackt. Doch er lässt mich nicht los, streicht mir beruhigend übers Haar.
"Ssshh, Koi ... was ist denn passiert ...?", fragt er vorsichtig nach einer Weile, lässt mich noch immer nicht los. Ich kann nur leicht den Kopf schütteln, bringe aber irgendwie doch ein "Kaa-san ... Telefon" über meine bebenden Lippen. Er scheint dennoch zu verstehen, denn er nickt und flüstert leise beruhigende Worte. Sie machen mich schläfrig. Und ich habe sowieso keine Kraft mehr. Nicht einmal mehr, um mich an ihm festzuhalten.
Irgendwie hat er es geschafft, mich ins Schlafzimmer und anschließend ins Bett zu bringen, denn ich fühle das weiche Laken unter mir, als er mich behutsam hinlegt und die Decke über mir ausbreitet. Ich greife ganz automatisch und mit geschlossenen Augen nach seiner Hand, ziehe ihn jedoch nicht zu mir, lege einfach nur meine Hand in seine. Sofort hält er mich fest.
"Geh nicht weg, mein Engel", flüstere ich, spüre fast sofort seine sanften Lippen an meiner Stirn, dann auf meinen eigenen. "Niemals", erwidert er leise, streicht mir mein Haar zur Seite. "Ich bleibe immer bei dir. Aber nun schlaf ... schlaf, Koi ..."
Ein Nicken bekomme ich gar nicht mehr zustande, denn längst bin ich in ein tiefes und traumloses Nichts eingetaucht.



Leas Sicht

Nach einer Weile tritt Duncan wieder aus dem Schlafzimmer und schließt leise die Tür hinter sich. Er seufzt verhalten, sieht geschafft aus. "Und?", frage ich leise, noch immer trommelt mein Herz aufgeregt gegen meine Rippen.
"Er schläft, Gott sei Dank", antwortet mein Onkel, greift nach meiner Hand und zieht mich mit sich ins Wohnzimmer. Ich atme erleichtert aus und als er sich auf die Couch fallen lässt, tue ich es ihm gleich. Noch immer stehen die beiden Teetassen auf dem Tisch neben einem ganzen Stapel von fertigen und unfertigen Songtexten. Duncan jedoch scheint das alles nicht zu bemerken, denn er schließt die Augen und legt den Kopf auf der Sofalehne ab.
Ich überlege fieberhaft, wie ich beginnen soll, ohne neugierig oder wie ein unreifes Mädchen zu klingen, doch er kommt mir zuvor: "Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet."
Verwirrt betrachte ich ihn. "Womit?"
"Dass seine Mutter ihn anruft. Oder dass sie sich überhaupt an ihn erinnern kann."
Noch immer verstehe ich nichts. Aber wie auch?
"Duncan ... was ... was hat es damit auf sich? Ich hab Koichi ... noch nie so gesehen."
"Und es hat dir sicherlich Angst gemacht, hm?" Nun schaut er doch auf und hebt den Kopf. Seine Hand streicht über meine Wange. "Tut mir Leid, aber das muss Koichi dir schon selbst erzählen. Er hat ewig gebraucht, bis er mir gesagt hat, was es mit seiner Vergangenheit und seiner Mutter auf sich hat und glaub mir, damit kann ich ihn verstehen. Und ich glaube nicht, dass er will, dass ich es einfach weitergebe. Auch wenn du es bist und ich weiß, wie gern er dich hat. Es tut ihm sicherlich Leid, dass du ihn so gesehen hast. Normalerweise zeigt er sich nicht verzweifelt vor anderen Leuten."
"Ich weiß", erwidere ich resigniert. Diese Seite an Koichi zu sehen und vor allem so intensiv zu spüren, hat mir wirklich Angst gemacht und ich fühlte und fühle mich vollkommen hilflos.
Plötzlich spüre ich, wie er einen Arm um mich legt und mich an seine Schulter zieht. "Es war gut, dass du mich angerufen hast. Das war vielleicht sogar die beste Möglichkeit, ihm zu helfen. Und wie es aussieht, kam ich gerade noch im richtigen Moment."
Er schaut an mir vorbei, während er weiter spricht. "Ich glaube, du hast die Pillen auf dem Boden gesehen und weißt, dass das bestimmt kein Traubenzucker war. Ich hätte es wissen müssen, dass er sie nicht weggeworfen hat."
Meine Augen werden riesig, als ich über die Bedeutung seiner Worte nachdenke. Natürlich hatte ich die Tabletten am Rande wahrgenommen, doch ... "Du meinst, er wollte sich mit irgendwelchen Drogen betäuben?!", frage ich ungläubig, starre Duncan an.
Sein stummes Nicken ist vorerst seine einzige Antwort. Koichi und Drogen?! Das kann ich mir nicht vorstellen.
"Eigentlich braucht er sie nicht mehr und hat sie nach einem kalten Entzug endgültig hinter sich gelassen. Doch nun ... du musst wissen, seine Mutter ist schuld daran, dass er damit überhaupt angefangen hat. Und als sie anrief vorhin, egal, was sie gesagt haben mag ... da müssen ihn die Erinnerungen überfallen haben." Die Stimme meines Onkels ist leise, fast glaube ich, dass ihm, so wie mir gerade, auch gleich Tränen in die Augen steigen.
"Das ... das hat er nicht verdient ...", murmele ich, spüre schon wieder Duncans Hand in meinem Haar und wie er mir beruhigend über den Kopf streicht.
"Nein, das hat er nicht ... aber er schläft nun und wird hoffentlich für ein paar Stunden noch Ruhe finden. Und wir sollten das vielleicht besser auch tun. Willst du hier bleiben?"
Ich nicke nur abwesend.
Duncan erhebt sich, bringt die Tassen in die Küche, kehrt nach einem Augenblick zurück, um meine Hand zu ergreifen. "Na, komm", fordert er mich leise auf. Ich löse schwerfällig meinen Blick von den zwei Zeilen, die ich bis gerade immer wieder gelesen habe und lasse mich von ihm ins Gästezimmer führen.
"I'm longing for deliverance ... far beyond the past ... far beyond the (s)caring hand ... of you, mother"



Als ich am nächsten Morgen erwache, steht die Sonne längst hoch am Himmel. Ein Blick auf die Uhr auf dem Nachttischchen bestätigt mir, dass es kurz vor Mittag ist. Schnell springe ich aus dem Bett und öffne schwungvoll die Tür. In der Nacht habe ich noch lange wach gelegen und nachgedacht über das, was passiert ist, doch ohne Ergebnis. Irgendwann in den frühen Morgenstunden bin ich endlich eingeschlafen und das bis eben gerade wortwörtlich wie ein Stein. Denn kaum stehe ich auf dem Flur, höre ich laut und deutlich, wie jemand in der Küche rumort - Töpfe klappern, ein Schrank wird erst auf und nach kurzem Rascheln wieder zugemacht, irgendetwas wird mit einem Messer zerschnitten.
Als ich um die Ecke luge, sehe ich Duncan, wie er wohl gerade das Mittagessen vorbereitet.
"Morgen, Schlafmütze", lächelt er, als er mich im Türrahmen erblickt.
"Morgen", erwidere ich, schaue mich um. "Wo ist Koichi?"
"Im Bett. Er schläft immer noch. Oder zumindest tat er es vor zehn Minuten noch, als ich nachgeschaut habe." Mein Onkel grinst schief, wendet sich dann aber schnell wieder um, als das Essen in einem der Töpfe überzukochen droht.
"Hmm", mache ich nur, schlurfe dann über den Flur. "Ich geh duschen." Und das habe ich auch dringend nötig.
"Mach das", höre ich noch, dann ist die Tür hinter mir ins Schloss gefallen. Mein Blick geht instinktiv zum Boden, doch nichts erinnert mehr an das Chaos von gestern, nichts erinnert mehr daran, dass ...
Ich beschließe, das Nachdenken auf später zu verschieben, schlüpfe aus meinen Klamotten und stelle mich unter die Dusche. Sofort geht es mir besser, als ich das Wasser über meine Haut perlen fühle. Ich schließe die Augen und genieße den kurzen Moment.

Als ich abgetrocknet bin und wieder meine Sachen angezogen habe, öffne ich die Tür und trete auf den Flur. Unschlüssig, ob ich wieder zu Duncan in die Küche gehen soll oder nicht, stehe ich noch eine Weile nachdenklich herum, doch dann öffne ich die Tür zu meiner Linken und verschwinde ins Dunkel.
"Koichi?" Meine Stimme ist so leise wie möglich, falls er wirklich noch schläft, will ich ihn nicht aufwecken.
"Mh?", kommt es verschlafen vom Bett und ich traue mich näher heran.
"Verzeih, hab ich dich geweckt?"
"Nein, Lea-chan, mach dir keine Gedanken."
Das ist leichter gesagt, als getan. Koichi schaut mich an, rückt dann ein Stück zur Seite, sodass ich mich auf die Bettkante setzen und ihn genauer betrachten kann. Obwohl es durch die zugezogenen Vorhänge relativ dunkel im Zimmer ist, kann ich erkennen, dass er nicht gut aussieht. Geschwollene Augen mit dunklen Ringen, fahle Haut, müde. Behutsam streicht meine Hand über seine Wange, er schließt kurz die Augen und ich spüre deutlich, wie er sich anschmiegt.
"Wie geht's dir?" - "Genki ..." Gut sieht aber anders aus. Er öffnet wieder die Augen, schaut mich mit einem Blick an, bei dem ich ihn am liebsten umarmt und festgehalten hätte.
"Tut mir Leid wegen gestern, Lea-chan ... ich ... ich wollte dich nicht erschrecken", gibt er leise von sich, doch ich schüttele energisch den Kopf. "Das muss es nicht. Es ging dir schlecht, du kannst doch nicht immer stark sein. Ich hab mir nur solche Sorgen gemacht und wusste nicht, was ich tun sollte."
"Du hast alles richtig gemacht." Seine Worte lassen einen riesigen Stein von meinem Herzen fallen. Langsam richtet er sich auf, dann spüre ich seine Arme um mich, seine Stirn an meiner Schulter. "Danke."
Ich bin unfähig, etwas zu sagen, das erste Mal bin ich es, die ihn festhält.
"Du fragst dich sicher, was los war", beginnt er nach unzähligen Minuten, die wir still verharrt haben und in denen ich mir fast sicher gewesen bin, er wäre an meiner Schulter eingeschlafen.
Als ich nur stumm nicke, löst er sich vorsichtig von mir und schaut mir in die Augen. Er setzt sich richtig auf, lehnt sich an die Wand am Kopfende des Bettes und streckt eine Hand aus. "Komm her."
Ich folge der Aufforderung, ergreife seine Hand und lasse mich zu ihm ins Bett ziehen. Er umarmt mich sanft, während nun mein Kopf an seiner Schulter ruht.
"Ich bin schlecht im Erzählen ... und in Englisch ...", druckst er unsicher herum, doch ich schüttle nur den Kopf. "Keine Sorge. Ich hab dich doch immer verstanden." Der zuversichtliche Unterton in meiner Stimme scheint ihn ein wenig zu ermutigen, denn er nickt mit einem leichten Lächeln, fährt dann aber ernst fort.
"Ich bin gerade nicht das erste Mal in Kanada." - "Nicht?" Ich schaue überrascht auf, er schüttelt resigniert den Kopf. "Nein, Lea-chan ... ich war schon einmal hier. Wie lange, weiß ich nicht. Meine Mutter stammt aus Kanada. Sie brachte mich das erste Mal her."
Ich sehe ihm deutlich an, dass er sich damals alles andere als darüber gefreut hat.
"Du musst wissen, mein Vater starb, als ich fünf war. Da lebten wir noch alle drei in Japan. Ich kam über seinen Tod damals nicht hinweg, zog mich immer mehr in mich zurück, ließ nicht einmal meine Mutter an mich heran. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum er nicht mehr da war, ich hatte ihn so sehr geliebt. Irgendwann begann ich, mich selbst zu verletzen. Ja, als Kind ... ich glaube, ich war schon sechs, obwohl ich mich an meinen Geburtstag nicht erinnern kann."
Erschrocken höre ich seine Worte, schaue instinktiv auf seine Arme. Ich spüre, dass er meinem Blick folgt. "Man sieht nichts mehr, Lea-chan ...", redet er leise weiter. "Und zuerst habe ich es auch nicht wirklich wissentlich getan. Ich fiel einfach hin und wunderte mich, dass es nicht wehtat. Auch als ich mich einmal in der Küche an einem Messer schnitt, tat es nicht weh. Ich konnte mir das damals nicht erklären, also fügte ich mir absichtlich Schmerzen zu, um zu testen, ob ich überhaupt noch welche empfinden konnte. Irgendwann musste ich immer öfter mein Blut sehen, um zu wissen, dass ich noch fühlen kann. Mit sechs ..."
Er schließt kurz die Augen, atmet einmal tief durch. Vorsichtig streicht meine Hand über seine und so öffnet er die Augen wieder und spricht weiter.
"Es ist schrecklich, das als Kind zu erleben. Ich wusste mir einfach nicht zu helfen, ich traute mich auch nicht, es jemandem zu erzählen, weil ich instinktiv wusste, dass ich etwas Verbotenes tat. Und ... na ja ... wie es eben kommen musste, hat meine Mutter es eines Tages rausgefunden. Da war ich fast acht. Sie kam in mein Zimmer und wollte irgendetwas von mir. Und dann sah sie mich dort sitzen mit meiner Bastelschere ..."
Ich spüre deutlich, wie er sich zusammenreißt, um die Erinnerungen nicht allzu deutlich werden zu lassen, doch es scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Ich kann nicht glauben, was ich höre, doch ich habe das unbestimmte Gefühl, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Noch immer halte ich seine Hand in meiner, streiche sanft mit dem Daumen darüber.
"Das war für sie der letzte Ausschlag, Japan zu verlassen und wieder nach Kanada zurückzukehren. Weißt du, sie ist nur wegen meinem Vater damals in Japan geblieben, doch als er gestorben ist, hielt sie eigentlich nichts mehr in diesem Land. Und nun, als sie erkannt hat - wie ich erst glaubte - dass ich Hilfe brauche, hat sie mit mir den nächsten Flug nach Kanada genommen. Was ich bis dahin nicht wusste, war, dass sie noch immer ihr Haus behalten hatte all die Jahre über, die sie in Japan mit uns lebte. Nur zwei Tage nachdem sie mich in meinem Kinderzimmer mit der Schere gefunden hat, waren wir in Kanada und sie telefonierte die ganze Zeit mit einem Mann, einem Doktor, der mir helfen sollte. Ich hatte nicht einmal Zeit gehabt, mich zu verabschieden, geschweige denn, mich auf all dies Neue vorzubereiten. Schließlich hatte sie mich gerade aus meiner Heimat gerissen und nun war ich noch haltloser als zuvor. Und dann ... am nächsten Tag hat sie mich ..." Er schluckt trocken, diesmal kann er nicht verhindern, dass sich eine Träne aus seinen Augen stielt. "... in diese Klinik gebracht", beendet er seinen Satz, fährt sich über die Augen und schweigt eine Weile, scheint sich erst einmal wieder sammeln zu müssen. "Eine Klinik?", frage ich nach, als er nicht weiter spricht. Er nickt.
"Ja. Sagt dir das Wort ‚Kinderpsychiatrie' etwas?"
Bei seinen Worten zieht sich mir die Brust zusammen, ich kann mir lebhaft vorstellen, dass dies ein Ort ist, an den man als Kind am allerwenigsten möchte. Zaghaft nicke ich.
"Sie stellte mich einem Doktor vor - ich hab vergessen, wie er heißt ... und ich wollte es nie wissen - und erklärte ihm, dass ich mich selbst verletzen würde und seit dem Tod meines Vaters psychisch krank wäre und er mich dringend behandeln müsste. Das hatte sie auf Japanisch gesagt, wahrscheinlich aus Gewohnheit, denn danach sprachen der Arzt und meine Mutter nur eine Sprache, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Englisch, wie ich später erfuhr. Immer wieder zeigte meine Mutter dem Arzt meine zerschnittenen Arme und Beine, ich verstand nichts von dem, was die beiden sagten. Doch ich bekam Angst. Und als mich meine Mutter in ein weißes, leeres Zimmer mit einem vergitterten Fenster führte und mich darin allein zurückließ, wuchs aus dieser Angst Panik. Schreckliche Panik. Was sollte ich hier? Wieso musste ich allein hier bleiben? Kam sie wieder oder hatte sie mich abgegeben?"
Nicht nur seine Stimme zittert, auch sein Körper tut es. Ich kann nicht mehr so verharren, also richte ich mich auf, lege nun meinerseits meine Arme um ihn und ziehe ihn an mich. Es ist ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass er älter ist als ich und er es eigentlich immer gewesen ist, der mich so gehalten hat, und nun bin ich es, die ihn festhält, weil kaum mehr etwas von dem starken Koichi, wie ich ihn kenne, übrig geblieben ist. Er lässt es geschehen, lässt sich sogar ein wenig fallen.
"Als sie auch nach ein paar Tagen nicht wiederkam, war ich mir sicher, dass ich dableiben musste und sie nie wieder sehen würde. Ich war völlig auf mich allein gestellt, denn ich verstand ja kein Wort von dem, was der Doktor oder die Frauen, die oft nach mir schauten, sagten. Wie gern hätte ich den Schmerz irgendwie rausgelassen, hätte mich gern wieder verletzt, weil ich gemerkt hatte, dass es mir geholfen hatte. Aber es gab nichts, was ich dazu hätte benutzen können. Also habe ich mich bis zur Besinnungslosigkeit gekratzt und gebissen. Solange, bis eine der Frauen in mein Zimmer gestürmt kam, auf mich einredete und, als ich nicht reagierte, irgendetwas in meinen Arm spritzte. Danach wusste ich eine Zeitlang nicht mehr, was passiert war. Ich erwachte nur irgendwann auf dem Bett, mir war schwindlig und ich war allein. Immer öfter überkam mich der Drang, mir wehzutun, also versuchte ich es immer wieder aufs Neue, mir Verletzungen zuzufügen. Doch immer wieder kam eine dieser Frauen und spritzte mir irgendetwas. Oder flößte mir später immer öfter und in immer höheren Dosen Tabletten ein. Sie betäubten nicht nur das Verlangen, mir wehzutun, sie betäubten auch den Schmerz, der noch immer in meinem Inneren wütete und von dem ich längst vergessen hatte, dass er durch den Tod meines Vaters ausgelöst worden war. Und irgendwann versuchte ich nicht mehr, mich zu verletzen, weil ich ein Ventil für den Schmerz brauchte, sondern ... weil ich süchtig geworden war. Süchtig nach der Beruhigung, nach der Trance, diese lang ersehnte Betäubung aller Schmerzen und Gefühle in mir. Und irgendwann brauchte ich nicht mehr toben, brauchte mich nicht mehr zu verletzen, weil mehrmals am Tag eine der Frauen oder der Arzt selbst nach mir sah, um mir eine neue Ration Beruhigungsmittel zu bringen, die ich bereitwillig hinunterstürzte. Diese wenigen Augenblicke waren das Einzige, worauf ich mich am Tage freute. Und ich bin ... bis heute nicht ... nie ganz los gekommen von ihnen. Trotz allem ..."
Wieder zittert seine Stimme, bricht schließlich bei seinen letzten Worten, als ihn Tränen übermannen. So gut ich kann, halte ich ihn fest, wiege ihn sanft hin und her, wie man es mit mir machen würde, wenn ich traurig war. Doch ich muss zugeben, dass ich selbst kaum die Tränen zurückhalten kann bei seiner Erzählung. Es ist nicht nur eine Geschichte, er hat das alles wirklich erlebt, es vielmehr durchgemacht. Schon allein dieses Wissen, lässt mich auf meine Unterlippe beißen, um ein Schluchzen zu unterdrücken und ihm vielleicht so das letzte bisschen Halt zu nehmen, das er jetzt gerade hat. Ich will wenigstens so lange für ihn stark sein, wie er sich mir so sehr öffnet. Und ich möchte wissen, wie dieser Alptraum ausgegangen ist.
"Ich habe kaum Erinnerungen an diese Zeit", fährt er nach einer Weile fort, "doch ich weiß noch genau, wie eines Tages meine Mutter zusammen mit dem Arzt in mein Zimmer kam. Ich saß gerade wie so oft auf meinem Bett, bekam sie erst gar nicht wirklich mit, weil ich apathisch vor mich hinstarrte. Wie so oft. Doch als der Arzt stolz die bereits verheilenden Wunden an meinen Armen und Beinen präsentierte - manche Narben waren auch schon verblasst - lief sie doch auf mich zu und tat etwas, was ich niemals erwartet hätte. Sie drückte mich an sich und freute sich. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich reagieren sollte, also reagierte ich gar nicht. Ich verstand ihre folgenden Worte nicht, da sie nicht auf Japanisch redete, doch ich merkte, worüber sie sich so freute. Sie freute sich nicht, weil sie stolz auf mich war, dass ich mich seit einer Weile nicht mehr verletzt hatte, sie freute sich auch nicht, weil sie mich an diesem Tag das erste Mal seit Monaten, vielleicht sogar Jahren besucht hatte, und auch nicht, weil ich vielleicht bald wieder bei ihr sein konnte. Nein, sie freute sich, weil sie endlich bald ein schön therapiertes Kind haben würde, weil ich nun endlich so brav und ruhig war, wie sie mich sich immer gewünscht hatte ..." Er macht eine Pause, in der ich diese Worte erst einmal verarbeiten muss und als ich zu einer Frage ansetzen will, spricht er weiter: "Du fragst dich sicher, wie ich das verstehen konnte, obwohl sie doch Englisch sprach?" Ich nicke. "Da um mich herum niemand Japanisch konnte, habe ich versucht, aus den Gesten und der Mimik der Menschen in meiner Umgebung zu lesen. Ich versuchte, den Wörtern, die ich nicht kannte, eine Bedeutung beizumessen und manchmal gelang es mir dadurch, den Inhalt ihrer Worte und ihrer Körpersprache zu verstehen. Was hätte ich in diesem Moment dafür gegeben, meine Mutter nicht verstanden zu haben ..."
Es scheint, als wolle er sich einrollen, doch dann überlegt er es sich wohl anders und seufzt nur tonlos, schmiegt sich ein wenig mehr an mich.
"Die folgenden Tage war ich kaum zu bändigen. Immer wieder tat ich mir weh, immer öfter bekam ich diese kleinen weißen Vergessenmacher, die mich ins Nirwana schickten. Irgendwann beruhigte ich mich wieder, nahm es einfach hin, dass ich mich in meiner Mutter getäuscht hatte und ... allein war. Und obwohl ich, seit ich diese Erkenntnis hatte, mich nie wieder selbst verletzt habe, bekam ich weder weniger noch schwächere Beruhigungsmittel. Wahrscheinlich hatte der Arzt einfach nur Angst, ich könnte noch mal einen Rückfall bekommen. Und was hätte er dann wohl meiner Mutter erzählen sollen?" Er schnaubt verächtlich. "Also bekam ich die volle Ration weiterhin. An diese Jahre - und ich weiß, dass es Jahre waren - habe ich so gut wie keine Erinnerung. Ich weiß auch nicht mehr, was von den Fetzen in meinem Kopf real und was Traum war ... ich weiß gar nichts mehr."
Nun rollt er sich doch zusammen, dreht sich von mir weg und vergräbt den Kopf im Kissen. Eine Zeitlang ist nur sein ersticktes Schluchzen zu hören, ich streiche ihm sanft über den Rücken. Ich will, dass er spürt, dass ich da bin und ihn nicht allein lasse. Doch ich will nicht, dass er sich bedrängt fühlt, wenn er sich schon wegdreht und ich ihn vielleicht wieder umarme.
Irgendwann hebt er wieder den Kopf und blickt mich mit einem undefinierbaren Blick an. So viel Schmerz habe ich, glaube ich, noch nie gesehen. Aber auch Dankbarkeit kann ich darin lesen, als er leicht zitternd nach meiner Hand greift und sie mit seinen Händen umfasst. Fast wäre ich zurückgezuckt, doch ich kann mich im letzten Moment zusammenreißen. Sie sind eiskalt.
"Das erste, was ich wieder weiß, ist, dass ich zwei Krankenschwestern niedergeschlagen habe, dann den Arzt fast totgeprügelt und anschließend den Medikamentenschrank und die Kaffeekasse im Schwesternzimmer zur Gänze geplündert habe. Danach weiß ich nur noch schemenhaft, was passiert ist. Ich kann mich daran erinnern, gerannt zu sein, als gäbe es kein Morgen mehr. Und an einen Flughafen. Das Meer unter mir. Und dann ... endlich wieder vertraute Worte. Japanische Worte. Ich war wieder zu Hause."
Das Lächeln auf seinen Lippen ist dennoch alles andere als glücklich. "Ich habe keine Ahnung, wo ich die ersten Nächte verbrachte, es war auf alle Fälle kalt und feucht. Und ich hatte nichts. Nichts als Taschen voller Drogen ... und ich weiß bis heute nicht, wie ich damit überhaupt durch die Flughafenschleusen gekommen bin.
Irgendwann allerdings hat mich jemand angesprochen, als ich wie so oft einfach auf der Straße saß oder lag. Er hat mich mitgenommen, mich gewaschen, mir ein Bett gegeben. Ich kannte ihn nicht, aber er schien nicht so viel älter als ich zu sein. Seine Wohnung war klein und schäbig, doch es war warm und alles außer weiß. Die ersten Tage war ich so gut wie nicht ansprechbar, ich war krank und konnte auch das bisschen Essen, was er mir einflößte, kaum bei mir behalten. Doch irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ging es mir langsam besser. Noch immer brauchte ich diese Drogen, doch ich merkte, dass ich weniger davon nehmen und dennoch fast dieselbe Wirkung erzielen konnte. Der, der mich aufgenommen hatte, sagte nichts dazu, nahm sogar selbst irgendwelche Mittel, wie er mir später verriet. Doch er stellte auch keine Fragen, wo ich herkam, warum ich so war, wie ich war oder ob ich vielleicht böse Absichten hatte. Und so waren wir beide auch nicht allein.
Eines Abends, wir saßen gerade auf seinem Bett, zeigte er mir seinen größten Schatz: eine Gitarre. Er fragte mich, ob ich mal spielen wollte, und da ich noch nie eine Gitarre in der Hand gehalten hatte, bejahte ich. Es war ein wunderbares Gefühl, diesem Holzkasten mit den Nylon- und Metallsaiten ein paar Töne zu entlocken, auch wenn sie zunächst schief und disharmonisch klangen. Ich glaube, in diesem Moment entdeckte ich meine Liebe zu Gitarren."
Diesmal war sein Lächeln etwas ehrlicher, als er fortfuhr. "Er lehrte mich ein paar Griffe und nach ein paar Wochen konnte ich ganz passabel spielen. Ich übte jeden Abend, verlor mich in meinem Spiel fast so sehr wie in den Pillen, die noch immer zu meinem Leben gehörten. So ging es fast zwei Jahre ... bis er eines Tages sagte, dass er weg müsste. Weit weg. Und wir würden uns wahrscheinlich nicht wiedersehen. Ich verstand es nicht, ahnte aber, dass er wegen seinen Drogen Probleme bekommen haben könnte, schließlich hatte er nicht nur welche genommen. Er versicherte mir, dass ich in der Wohnung bleiben durfte und dass ich ... dass ich nicht um Nachschub bangen musste ... und auf mein Betteln hin durfte ich auch seine Gitarre behalten."
Er ändert noch einmal seine Sitzposition, schaut mich wieder direkt an. "Nun ja, viel gibt es dann nicht mehr. Durch einen Zufall traf ich eines Tages Ansgar, der sich schon länger mit der Idee herum trug, eine Band zu gründen. Und ich dachte: warum nicht, schlimmer als jetzt kann es nicht werden. Und wirklich ... kurz darauf ... bin ich meinem Engel begegnet." Bevor das Lächeln seine Lippen richtig erreicht hat, verzieht sich sein Gesicht in Schmerz und er vergräbt es wieder in seinen Händen, unzählige Tränen fließen über seine Wangen. Gerade noch wollte ich mich für ihn freuen, nun ziehe ich ihn erschrocken wieder in meine Umarmung. "Und nun ...", bringt er unter einigem Schluchzen hervor, "nun will sie mir ... das alles wieder wegnehmen ..."
"Sshh, niemand will dir etwas wegnehmen, Koichi", flüstere ich an seinem Ohr, kann ihn kaum halten.
"Sie ... sie sagt, sie will mich zurückbringen ... zurück an den Ort, vor dem ich im Moment die größte Angst habe ... ich hab Angst, Lea ..."
Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich will nicht, dass diese Frau, die sich seine Mutter schimpft, ihm auch nur zu nahe kommt, geschweige denn ihn irgendwo hinbringt.
Gerade will ich dazu ansetzen, etwas zu erwidern, als ich plötzlich Duncan im Türrahmen stehen sehe. Aus dem Flur scheint ein wenig Licht herein, das fast bis zum Bett reicht und Duncan umrahmt, als sei er wirklich ein Engel.
Lautlos schließt er die Tür, kommt schweigend auf uns zu, seine Lippen umspielt ein trauriges Lächeln, als er Koichi in meinen Armen sieht. Er nickt mir zu, ich verstehe sofort, als er sich auf der anderen Seite des Bettes niederlässt und löse vorsichtig meine Umarmung. Sofort zieht Duncan meinen weinenden japanischen Engel in seine Arme und streicht ihm übers Haar. Zunächst ist Koichi verwirrt, doch als er Duncan erkennt, klammert er sich in dessen Hemd und vergräbt den Kopf an dessen Brust.
"Sshh, Koi ... du musst keine Angst haben. Sie wird nicht hierher kommen. Und wenn doch, werde ich schon dafür sorgen, dass sie dich nicht zu Gesicht bekommt und nie wieder einen Fuß in diese Stadt setzt. Sie kann mich dir nicht wegnehmen. Und Lea auch nicht. Und die Infinity-Jungs sowieso nicht. Du musst nicht zurück." Seine sanften Worte haben nicht nur auf Koichi eine beruhigende Wirkung, wie mir gerade bewusst wird. Nein, auch ich war bis eben aufgrund der Erzählung meines japanischen Engels aufgewühlt, traurig und wütend, ängstlich und aufgelöst zugleich, doch nun ... er hat Recht. Wir alle würden niemals von Koichis Seite weichen, das weiß ich mit Sicherheit. Duncan würde ihn niemals wieder alleine lassen. Und auch ich ... ich hatte meine eigene Familie vereinen können, warum sollte ich mich dann von den wichtigsten Menschen in meinem Leben trennen lassen? Und Koichi gehört definitiv dazu. Kein Mensch der Welt, und wenn es seine eigene Mutter sei, kann ihn jemals von uns reißen.
Mit der Zeit verebbt das leise Schluchzen, bis von seinen Tränen nur noch feuchte Spuren auf seinen Wangen zurückbleiben und, wie es scheint, eine bleierne Müdigkeit.
Noch immer sitzen Duncan und ich an je einer Seite des Bettes, als Koichi ein wenig seinen Kopf anhebt und uns beide kurz anschaut.
"Kann ... kann ich noch ein bisschen ... schlafen?", fragt er zaghaft auf Japanisch, seine Stimme ist heiser.
Ich weiß schon, dass Duncan schmunzelt, bevor ich ihn angesehen habe. Auch ich muss bei Koichis Worten leicht lächeln.
"Koi, du kannst schlafen, so viel du willst!", lacht Duncan leise, wuschelte ihm dabei leicht durch die Haare.
"I-ich meine ...", setzt Koichi wieder an, ich kann direkt hören, dass er rot geworden ist, "... bleibt ihr ... hier?"
Ein kurzer Blick zu Duncan, er lächelt, nickt kaum sichtbar. "Natürlich", sagt er sanft, lässt sich gänzlich neben ihn aufs Bett gleiten und haucht ihm einen Kuss auf die Lippen. Dann dreht sich Koichi plötzlich zu mir um, seine grünen Augen mustern mich für eine Sekunde.
"Ja, ich auch", antworte ich auf seine unausgesprochene Frage, lasse mich ebenfalls neben ihn gleiten und lege zögernd einen Arm um seinen schlanken Körper. Er lässt sich zurücksinken, schmiegt sich ein wenig - nicht zu sehr - an mich, das Gesicht auf Duncans Brust gebettet, und schließt die Augen. Kaum später ist er eingeschlafen.
Liebevoll streicht mein Onkel ihm eine verirrte Strähne seines schwarzen Haares vom Gesicht, dann sieht er mich an. Unschlüssig, ob ich etwas sagen soll und was ich überhaupt sagen will, erwidere ich nur seinen Blick.
"Du hast es wirklich geschafft, Lea", gibt er nach einer Weile leise von sich und schenkt mir einen anerkennenden Blick.
"Was denn?", frage ich zögernd, weiß nicht genau, worauf er hinaus will.
"Er vertraut dir sehr, sonst hätte er dir das alles nicht erzählt und sich nicht in die Obhut deiner Arme begeben ... was meinst du, wie lange es bei mir gedauert hat, bis er mir erzählte, was damals wegen seiner Mutter passiert ist? Ich wusste zwar, dass er dich mag und dir vertraut, doch als er heute Nacht meinte, es würde ihm Leid tun, dass er dich so erschreckt hätte und dass er es dir schuldig wäre, dir dafür wenigstens zu erzählen, warum er so reagiert hatte ... da war ich baff."
Das bin ich jetzt allerdings auch. Und mache wahrscheinlich ein ebensolches Gesicht, denn ich kann Duncans leises Lachen hören.
"Schau nicht wie ein verschrecktes Eichhörnchen, dem man die Nuss geklaut hat", grinst er mich an, streicht dann aber wieder mit einem liebevollen Blick über Koichis Wange.
"Es ist wirklich schrecklich, was er durchmachen musste", sage ich leise, als ich mich wieder ins Kissen habe sinken lassen und gedankenverloren mit meiner Hand über Koichis Bauch streiche. Zum Glück schläft er tief.
"Ja, das ist es", erwidert Duncan flüsternd, dennoch höre ich genau, dass es auch ihn mitnimmt. "Doch er hat ja uns", ergänze ich und ein leichtes Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. "Wir lassen ihn doch niemals wieder fort, oder?"
"Nein, Prinzessin, niemals. Das könnte ich auch gar nicht. Ich habe ihn einmal verloren und ich will dies nie wieder erleben müssen ... und ihm das nie wieder antun. Und du könntest es auch nicht, nicht wahr?"
"Nein ... er ist doch mein japanischer Engel", flüstere ich und schließe ebenfalls die Augen.
Nach einer Weile konfusen hin und her Denkens reiße ich plötzlich die Augen wieder auf. "Duncan, das Essen!", rufe ich so leise ich kann, hätte mich fast aufgesetzt und so wahrscheinlich Koichi aufgeweckt, doch Duncans leises Lachen ist schneller.
"Kühlschrank, Prinzessin. Schon vor knapp zwei Stunden. Ich kenn doch meinen Engel. Und meine Prinzessin. Als du aus dem Bad nicht wiedergekommen bist, dachte ich mir schon, dass es länger dauern könnte."
Ich kann sein Grinsen förmlich hören. Bloß gut, dass er wirklich an alles denkt. Manchmal frage ich mich, wie er das macht.
"Dann schadet es sicherlich nicht, wenn ich ein bisschen die Augen zumache, oder?" Natürlich hätte ich niemals zugegeben, dass ich mich in der Nähe meiner beiden Engel so wahnsinnig wohlfühle, dass ich am liebsten nie wieder fortgegangen wäre.
Auf einmal spüre ich Duncans weiche Hand an meiner Wange. "Nein, das schadet bestimmt nicht. Schlaf gut."
Ich nicke, murmele noch ein "Du auch" und schmiege mich an Koichis Rücken. Ich lasse ihn sicherlich nie wieder los, ist mein letzter Gedanke, dann bin auch ich eingeschlafen.