Koi uta
(Koi's Song ~ Love Song)


‚…und immer noch sehe ich dich vor mir, geliebtes Wesen, wie du da liegst, mit geschlossenen Augen, die Lippen leicht geöffnet, lädst du mich ein.
…und immer noch höre ich dich rufen, immer und immer wieder klingt mein Name aus deinem Mund.
…und wieder liege ich allein in der Nacht, wie damals, als ich dich verlor.'

Ich lege das Blatt Papier behutsam vor mich auf den Boden.
Sollen sie das sein, meine letzten Worte?
Nein! Diese nicht.

Benommen schüttele ich Kopf und Arme, dann erhebe ich mich.
Während ich durch das stille Haus laufe, fallen mir zum tausendsten Mal an diesem Tag die Worte ein:

"Nothing more I can do
Than embrace you
with my black wings
hold you through eternity"

Ich summe leise die Melodie vor mich hin, während ich die Tür zum Garten öffne.
Zu Hause. Was ist zu Hause? Ein Wort, das uns sagt, wo wir zu leben haben?
Ein Blick über den regennassen Garten sagt mir, dass dieses Haus nicht mehr mein Zuhause ist.
Meine Gedanken schweifen ab, in das ferne Land, in dem du lebst und lächelst, liebst und weinst.

"You are my freedom
You are my bond
Destiny will paint our ways

The two of us will meet at last
To see how far we are apart"

Fast unhörbar summe ich diese Zeilen vor mich hin, als ich in die Nacht hinaustrete, sofort vom Regen umarmt. Ich fühle mich plötzlich unsagbar klein inmitten der Dunkelheit.
"Wo bist du?" flüstere ich in die Nacht, als ich mich auf die Stufen der Terrasse setze.
Nach einer Weile höre ich, wie sich hinter mir jemand bewegt.
"Hey, was machst du hier?" Arme umfangen mich sanft und lange Haare legen sich über mein Gesicht.
Ich bin aus meiner Traumwelt gerissen und muss wohl ziemlich verwirrt aussehen, denn ihre Finger streichen mein Gesicht hinab...
"Hey, wo warst du wieder? Hast du von alten Zeiten geträumt?"
‚Ja, habe ich', grolle ich innerlich und versuche meinen Zorn über diese - in meinen Augen - Respektlosigkeit herunterzuschlucken.
"Ach, komm schon, so gut kann das da drüben auch nicht gewesen sein. Du erzählst nie etwas, aber irgendwas bedrückt dich doch, habe ich Recht?"
Und wie Recht sie hat.
"Was soll ich dir schon groß erzählen? Du würdest mir doch sowieso kein Wort glauben." Damit ist die Sache für mich erledigt. Ich stehe auf, befreie mich so sanft wie möglich aus ihrem Griff und gehe wieder ins Haus zurück.

Am Klavier kann ich die Welt und alle Probleme vergessen. Ich spiele mich in Trance, bin besessen von den Klängen, die mich umgeben und durchfluten.
Auch hier finden mich ihre Arme. Auch hier reißen mich ihre Worte in die Realität zurück.
"Erzähl, wie war es, was hast du eigentlich dort drüben gemacht? Wie bist du dahin gekommen?"
Die letzte Frage ist am schnellsten beantwortet: Wie man eben nach Japan kommt, als Sohn eines Diplomaten.
Ich zucke die Achseln und lege die Finger wieder auf die Tasten.
Unsere Melodie. Lass sie mich noch einmal hören, gesummt von dir, wenn du im letzten Abendlicht dein regennasses Gesicht hebst, mich anlächelst, so wie eben nur du lächeln kannst.
"Weiter!" drängt sie. Weiter? Lass mich nicht weiter denken, bitte nicht! Doch ich muss.
Also schleicht sich die Geschichte zurück in meine Erinnerung.
Rebellion! Mehr nicht. Rebellion veranlasste mich, Klavier und Geige nur noch verächtliche Blicke zuzuwerfen und Schlagzeug zu lernen.
Danach ging alles blitzschnell. Oder dauerte es Jahre? Wahrscheinlich beides. Der Einstieg in eine Band, die verrückter und wilder nicht hätte sein können.
Irgendwann der erste Hit, der große Knall und wir waren berühmt. Wahnsinn. Schlicht Insane.
Und das wurden wir mit der Zeit.
Wäre ich hoffnungslos verloren gewesen ohne deine Augen? Oder war ich es erst nach dem Blick, den du mir zuwarfst - damals an diesem Morgen in dem Café?

Verloren in Gedanken sitze ich am Klavier, spiele rein mechanisch ein Lied, erkenne die Melodie, breche ab und starre auf meine Finger, als gehörten sie nicht zu mir.
Ihre Stimme, wieder. "Berühmt? Glaub ich nicht. Echt?"
Ich möchte sie töten.
Rauswerfen.
Schreien.
Und dann in deine Arme fallen. Oder diese Welt verlassen.

Doch ich erzähle weiter.
Ich habe mich verliebt und das half mir, bei all dem Starrummel den Überblick zu behalten.
Nur war die Band einfach zu exzentrisch.

Mein Kopf spielt das Lied vom Tod, meine Finger dein Lied für uns.
Ich kann nicht zurückblicken…. wo magst du sein? Lass mich nicht nachdenken.
Du hast mich verlassen... nein eigentlich ich dich aber ...
Ich habe Schmerzen...brechendes Herz...
Blutrote Erinnerungen.

Folgen….folgen... folgen will ich dir, wo immer du auch sein magst.

An den Drogen ist die Band zerbrochen. Und am Erfolg. Es war zu viel. Zu hoch geflogen, Ikarus, jetzt musst du sterben.
Und so fielen sie auseinander.
Ich ging zurück in mein Heimatland, Flucht - in die Ungewissheit, in die Identitätslosigkeit.
Verlor dich aus den Augen.

Ihre Arme haben mich längst losgelassen, nun trifft mich ihr vorwurfsvoller Ton wie Peitschenhiebe: "Du redest nur immer von dieser einen Frau! Jetzt hast du mich. Bin ich nicht genauso gut?"
Langsam hebe ich den Blick, meine Finger krallen sich in einem kreischenden Akkord in die Tasten, mein Geist speit Feuer und ich kann nur hilflos zuhören, wie mein Mund die Worte formt: "An diesen Mann wirst du nie heranreichen."

Lass mich fliehen, fliehen wie sie es tat vor Stunden. Allein sitze ich im kalten Licht des grauenden Morgens, den Blick im Raum umherschweifend ohne Ziel, der Geist tut es ihm gleich.
Zurück? Ja. Wieder zurück, das ist der einzige Weg. Allein diesmal - begleitet nur von meinen Liedern. Und der Erinnerung an uns.
Ein neues Lied ist geboren. Ich nehme meine Flöte vom Klavier, die Querflöte, die du so oft bewundernd berührt hast und spiele ein neues Kapitel der Geschichte.