
Neko ~ A Song takes flight
Dumpfes Pochen von Musik pumpt durch die Nacht, als das Auto vor dem Nachbarhaus hält. Schlagartig bin ich wach. Stimmen dringen durch das geöffnete Fenster, ich kann nicht verstehen, was gesagt wird, aber es ist laut genug, um mich wach zu halten.
Langsam stehe ich auf, greife automatisch nach dem Shirt und meinen Jeans, die ich neben dem Bett habe fallen lassen.
Erst mal eine rauchen.
Im Arbeitszimmer schalte ich den Computer ein, irgendwas wird mir schon einfallen.
Rauchschwaden vernebeln das weiße Blatt, das der Bildschirm mir zeigt.
Schwarzes Loch in meinem Hirn.
Ich starre durch das offene Fenster auf die dunkle Straße, lausche der Nacht.
Ein Laut lässt mich aufhorchen.
Vom Nachbarhaus, dort, wo die Stimmen vorhin verschwunden sind, dringt es herüber, das erstickte Stöhnen eines jungen Mädchens. Noch einmal, lauter und erregter.
Ich fühle mich lächeln, meine Finger tippen automatisch.
Lauter und höherdringt es an mein Ohr, bis es schließlich vorbei ist. Die Nacht ist wieder still.
Ich blicke gebannt auf den Monitor, wo zu lesen ist, was ohne mein Hirn zu berühren direkt in die Tasten geflossen ist.
Der Zigarettenstummel verglimmt unbemerkt im Aschenbecher, während ich mich frage, ob ich das da wirklich geschrieben habe. Benommen lese ich wieder und wieder die Worte.
"Komm näher, ich will dich berühren
Fühle meine Hand unter deiner Kleidung
Kätzchen leg dich für mich hin,
Lass mich dich verführen…"
Ich schüttele den Kopf, speichere in einem schieren Akt der Gewohnheit ab und schalte den PC aus, ehe ich ins Bett taumele.
In meine Träume noch verfolgt mich das Geräusch der Lust, ich fühle Hände auf meiner Haut, die nicht da sind. . .
Am nächsten Morgen hat mich die Realität eingeholt. Meine ich.
Aufnahmestudio, Diskussionen über neue Songs - und da schießt mir wieder der Text ins Bewusstsein.
"Oide, oide, Komm mit mir
Es wird nur für eine Nacht sein
Nebenstraße oder Hotelzimmer
Ich werde bekommen, was ich brauche"
Nein, das kann nicht wahr sein! Ich frage mich, ob ich etwa unter zu wenig Sex leide, aber so weit ist es noch nicht gekommen, dass ich nur aus Spaß ein Groupie vernasche und dann fallen lasse. Das überlasse ich den anderen.
Eine Hand, die mir auf die Schulter knallt, holt mich zurück. Ich schaue ins verärgerte Gesicht unseres Sängers.
"Was is' eigentlich mit dir los?"
Ich winke ab, schiebe zuwenig Schlaf vor. Jede Lüge enthält ein Körnchen Wahrheit. . .
Auf die Musik konzentrieren, nur auf die Musik. . .
Irgendwann werfe ich die Kopfhörer in die Ecke, verlange eine Auszeit. Dieser verdammte Text, er will mir nicht aus dem Hirn.
Der Laptop unseres Bassisten steht da, ich setze mich und hämmere die verfluchten Zeilen auf den Bildschirm, dann gehe ich zurück hinter meine Drums. Kommentarlos. Widerstandslos.
Soll er doch sehen, was er damit anfangen kann!
In dieser Nacht schlafe ich den Schlaf der Gerechten. Die Worte sind aus meinem Geist verbannt, das Bett erschlägt mich nicht mit seiner elenden Leere.
Meine Tat soll sich rächen.
Zwei, drei Tage später in einem Café sitzt mir ein breites Grinsen gegenüber und summt etwas vor sich hin. Ich kann ein paar Wortfetzen erkennen.
". . .Oide, oide. . ."
Neiiiiiiiin! Mein innerliches Aufstöhnen bricht sich Bahn nach außen, hallt durch den Raum. Schon halte ich ein paar Blätter beschriebenes Papier in der Hand, höre die Worte: "Guter Text, das kann glatt ein Hit werden, glaub mir. Du solltest öfter schreiben."
Am liebsten möchte ich ihm die Noten ins Gesicht werfen, ihn anbrüllen, davonlaufen.
Ich bleibe sitzen. Na schön.
Lass uns spielen.
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